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Der Niedergang des großen Basars von Teheran

Einst war der große Basar der iranischen Hauptstadt fast eine Stadt in der Stadt. Zahlreiche Branchen fanden dort Platz. Viele von ihnen bangen jedoch mittlerweile um ihre Existenz. Modernere und günstigere Produkte aus Billigländern machen traditionellen Handwerken, die das Bild des Basars über Jahrzehnte dominierten, Konkurrenz. mehr »

Der traditionsreiche Teheraner Basar galt über Jahrhunderte als wichtigstes wirtschaftliches Zentrum des Iran und als eine der bedeutendsten Attraktionen der Stadt. Mit knapp zehn Kilometern Länge und über zehntausend Geschäften ist er der größte überdachte Basar der Welt. Angeboten wird eine große Auswahl an Produkten, von kostbaren Teppichen über Silber- und Kupferarbeiten, Tücher und Stoffe bis zu Lebensmitteln und Gewürzen. Einst waren in den Gassen des Basars jeweils unterschiedliche Handwerke und Branchen untergebracht. Dort konnte man den Basaris bei ihrer Arbeit zusehen. Reisende aus der westlichen Welt beschrieben den Basar schon im 17. Jahrhundert. Seine heutige Struktur nahm er jedoch erst während der Kadscharen-Dynastie an, die von 1794 und 1925 im Iran herrschte.

Supermärkte statt Basar

Reisende aus Westeuropa beschrieben schon 1660 die Existenz des Basars von Teheran

Reisende aus Westeuropa beschrieben schon 1660 die Existenz des Basars von Teheran

Doch der Basar hat sich im Laufe der Jahrzehnte verändert: Wegen mangelnder Nachfrage für ihre Produkte mussten viele traditionelle Handwerker ihren Platz für andere Branchen räumen. Billigprodukte aus Bangladesch und Südostasien, hauptsächlich China, haben längst einheimische Erzeugnisse verdrängt. So findet man beispielsweise in den Gassen, in denen früher die Eisen-, Kupfer- und Hufschmiede arbeiteten, heute kaum noch Männer, die diese Handwerke ausüben. Gleiches gilt für Schreiner, Porzellanrestauratoren, Produzenten von Leinenschuhen und zahlreiche andere Branchen. Viele ihrer Läden dienen heute als Lagerplatz für importierte Waren.

„An jeder Ecke Teherans öffnen täglich neue Supermärkte und Drogerien“, klagt Herr Rahmani, ein ehemaliger Basari, der sein Geschäft schließen musste. „Vor 30 oder 40 Jahren konnte ich auf dem Basar mit dem Verkauf von Seife und anderen Hygieneprodukten noch gut verdienen, weil es damals kaum Läden gab, die diese Produkte anboten. Heute ist das nicht mehr so.“ Die Erzeugnisse, die ihm einen kleinen Wohlstand beschert hatten, fände man nun in den Regalen jedes beliebigen Supermarktes.

Traditionelle Branchen sterben aus

Und im Großen Basar von Teheran mussten auch viele Eisenschmiede und Verkäufer von Eisenprodukten schließen: „Früher war unser Handwerk vor den Toren der Stadt ansässig, weil dort die Bauern für ihre Arbeit unsere Produkte brauchten. Als Teheran aber immer weiter wuchs, lag unser Teil des Basars plötzlich mitten in der Stadt. Die dadurch erhöhten Grundstückspreise konnten sich viele nicht mehr leisten und mussten deshalb ihre Läden im Basar schließen“, erzählt ein alter Schmied.

Früher wurden Kupferwaren im Basar produziert

Früher wurden Kupferwaren im Basar produziert

Heute würden in dem Teil des Basars hauptsächlich Haushaltsprodukte, Snacks und Bekleidung verkauft, sagt er. „In unserer Gasse gibt es nur noch zwei Schmiede. Alle anderen verkaufen und produzieren ihre Eisenwaren am Stadtrand von Teheran.“ Dies seien vor allem alte Handwerker, nach deren Tod ihre Läden von den Hinterbliebenen meist verkauft würden, so der Schmied.

Das gleiche Schicksal traf die Kupferschmiede. In den Gassen des Basars, in denen man früher ihr lautes Hämmern und Klopfen hörte, ist es heute still geworden. „Hier findet man nur noch vier Geschäfte für Kupferprodukte, von denen nur ein einziges seine Produkte selbst herstellt“, sagt Herr Nahavandian, ein ehemaliger Kupferschmied. Kupfererzeugnisse seien bei den KonsumentInnen unpopulär geworden. Sie bevorzugten jetzt Aluminium- und Teflonprodukte. „Kein Mensch hat noch Lust, die schnell an Glanz verlierenden Kupfergegenstände aufwändig reinigen zu lassen“, so Nahavandian. Zudem seien Kupferprodukte, obwohl der Iran über die zweitgrößten Kupfervorkommen der Welt verfüge, für viele IranerInnen heute nicht mehr erschwinglich. „Früher war unsere Branche von der Steuer befreit, aber seit der Revolution ist das nicht mehr der Fall. Das hat unser Geschäft zusätzlich unattraktiver gemacht“, so der ehemalige Basari.
Ebenso sieht der junge Herr Arabshahi sein Handwerk zugrunde gehen: „Seit drei Generationen hat sich meine Familie auf die Produktion und den Verkauf von Decken, Kissen und Matratzen aus Wolle und Watte spezialisiert. Heute kaufen nur noch wenige bei mir ein. Die KundInnen bevorzugen industrielle Fertigprodukte, weil Wolle und Watte nur schwer gereinigt werden können.“ Der Familientradition zuliebe hat er sich entschlossen, das Handwerk weiter auszuüben. Profitabel sei seine Arbeit aber keineswegs. „Andere arbeiten längst in anderen Branchen“, sagt Arabshahi.

Der Teheraner Basar ist überfüllt mit Produkten aus Billigländern

Der Teheraner Basar ist überfüllt mit Produkten aus Billigländern

Eine andere Branche, die lange Zeit auf dem großen Basar von Teheran präsent war, ist die der Second-Hand-Verkäufer. Viele Jahrhunderte zogen sie von Haus zu Haus, um den Menschen Sachen abzukaufen, die sie nicht mehr benötigten. Von deren Weiterverkauf auf dem Basar konnten die Händler teils gut leben. Davon kann heute nicht mehr die Rede sein. Die wenigen Verkäufer, die es auf dem Basar noch gibt, verdienen schlecht und genießen zudem einen schlechten Ruf. Sie verkauften Diebesgut, erzählt man sich.

Nostalgische Basaris

„Der Zahn der Zeit hat auch am Basar genagt“, sagt ein älterer Basari. Früher sei dieser traditionsreiche Ort der Lebensmittelpunkt der EinwohnerInnen der Stadt gewesen. „Die meisten Basaris haben selbst neben dem Basar gelebt. Deswegen gab es hier so gut wie alles, was die Menschen brauchten: Gebetshäuser, Schulen, Restaurants, Friseure und Konditoreien. Auch Reisende wurden in der Umgebung des Basars untergebracht, wenn sie nach Teheran kamen.“ Doch von all dem könne heute keine Rede mehr sein, sagt der alte Basari nostalgisch.

Vahid Saberi

Übersetzt und überarbeitet von Jashar Erfanian

Quelle: Sharghdaily.ir

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