Das Geschäft mit der Gutgläubigkeit

Experten zufolge suchen immer mehr IranerInnen Rat und Hilfe bei  KartenlegerInnen und KurpfuscherInnen. Über die gesellschaftlichen Hintergründe und die Geschäftspraktiken der Wunderdoktoren.
„Es ist der sorgenerfüllte und triste Alltag der Menschen, der sie in die Arme von vermeintlichen Wahrsagern, Orakeln, Zauberern und Kaffeesatzlesern treibt.“ Immer mehr IranerInnen erhofften sich in Zeiten wirtschaftlicher Not auf diese Weise Informationen und Prophezeiungen, die ihnen Hoffnung geben, sagt der Teheraner Soziologe Ghassem Alizadeh.
Es gebe zwar keine offiziellen Zahlen darüber, wie viele Menschen die Dienste solcher Wundertätigen in Anspruch nähmen, ergänzt Alizadehs Kollege Ali Assadi. Doch Assadi ist sich sicher, dass deren Anzahl steigt: „Besonders die finanziell sehr schwachen und bildungsfernen Schichten flüchten sich immer öfter in den Aberglauben.“ Aus einer jüngst veröffentlichten Studie der Universität von Teheran gehe hervor, dass es vor allem Frauen seien, die sich an Orakel wendeten. Grund sei, dass Frauen sich in der von Männern dominierten Gesellschaft des Iran unsicherer fühlten und von Orakeln und Weissagern Beruhigung erhofften.
Doch solcher Aberglaube könne sowohl für Frauen als auch für Männer gefährlich sein, glauben Experten: „Wenn Menschen private Angelegenheiten Orakeln und Weissagern anvertrauen oder darauf hoffen, dass selbsternannte Zauberer und Wunderheiler medizinische Probleme lösen, dann kann Aberglaube Schaden anrichten“, so der Soziologe Ebrahim Hamidi.
Riskantes Vertrauen

Während KaffeesatzleserInnen zwischen einem und 15 Euro pro Sitzung bekommen ...
Während KaffeesatzleserInnen zwischen einem und 15 Euro pro Sitzung bekommen …

Davon kann Sima ein Lied singen. Die junge Iranerin hatte sich von einem vermeintlichen Zauberer eine Mixtur geben lassen, die sie den Mahlzeiten ihres Ehemannes beimischen sollte. „Die Mischung sollte meine Eheprobleme lösen. Der Zauberer versicherte mir, dass das Gebräu aus Taubenfleisch, Krähenhirn und Katzenknochen das Verhalten meines Mannes ändern würde. Meinem Mann ist davon jedoch schlecht geworden und ich musste ihm die Sache beichten. Jetzt stehen wir kurz vor der Scheidung“, erzählt Sima.
Auch Razie ist einem selbsternannten Wunderheiler auf den Leim gegangen. Von ihm erhoffte sie sich die Heilung einer schweren Erkrankung ihrer Mutter. „Ich habe dem Mann für mehrere Sitzungen jedes Mal zwischen 17 und 55 Euro gezahlt. Er hat sich aber als Scharlatan erwiesen. Meine Mutter liegt im Sterben“, klagt die Studentin. Sie hat den Mann nun bei der Polizei angezeigt.
Zumindest finanziell ist Razie dabei noch recht glimpflich davon gekommen, was nicht für alle gilt, die sich an Orakel und vermeintliche Heiler wenden. Je nach Dienstleistung und Prominenz des Aufgesuchten müssen KundInnen mitunter exorbitante Summen zahlen. Während KaffeesatzleserInnen in der Regel zwischen einem und 15 Euro pro Sitzung bekommen, verlangen manche der angeblichen Zauberer für das bloße Aufschreiben eines Gebetes Beträge zwischen 850 und 1.400 Euro von ihren KundInnen.
Orakel als Freizeitamusement
... verlangen manche der angeblichen Zauberer für das bloße Aufschreiben eines Gebetes Beträge zwischen 850 und 1.400 Euro von ihren KundInnen!
… verlangen manche der angeblichen Zauberer für das bloße Aufschreiben eines Gebetes Beträge zwischen 850 und 1.400 Euro von ihren KundInnen!

Doch nicht alle ihrer KundInnen vertrauen naiv auf die Fähigkeiten vermeintlicher Wunderheiler- und WahrsagerInnen. „Man darf die Arbeit dieser Leute nicht allzu ernst nehmen, dann ist man auch nicht enttäuscht“, sagt etwa Nima aus Teheran. „Was man gesagt bekommt, ist natürlich immer Quatsch. Doch es macht mir Spaß, ab und zu mal den Kaffeesatz gelesen zu bekommen. Es ist wie Horoskope lesen: Die wenigsten glauben daran, aber jeder freut sich, wenn etwas Positives drin steht.“
Der Meinung dürften auch viele andere IranerInnen sein. Es gibt wohl keinen iranischen Haushalt, in dem nicht die Gedichte des berühmten iranischen Dichters Hafiz als Orakel genutzt werden. Dabei schlägt der Frager zufällig eine Seite aus der Gedichtsammlung auf, liest darin, interpretiert das Gelesene und bezieht es auf die eigene Lebenssituation. Besonders populär ist das – immerhin kostenlose – Orakelspiel bei unverheirateten Frauen.
POOYA AZADI
Aus dem Persischen: JASHAR ERFANIAN