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„Was bleibt uns anderes übrig als zu gehen?“

Unabhängige Berichterstatter riskieren im Iran täglich ihr Leben. Etwa 42 Journalisten sitzen derzeit hinter Gittern, Hunderte weitere haben in den vergangenen zwei Jahren das Land verlassen. In dem neuen Buch „Election Fallout“ erzählen zwölf im Exil lebende iranische Journalisten ihre Geschichten rund um die Präsidentschaftswahlen 2009 und die darauffolgenden Proteste.  mehr »

„Es ist leicht Journalist zu werden, aber schwer, einer zu bleiben.“ Für deutsche Leser ist dieser Satz des iranischen Journalisten Mohammad Ghouchani nicht unbedingt nachvollziehbar, Iraner wissen jedoch sofort, was gemeint ist. Denn Journalist zu sein, ist in der Islamischen Republik gefährlich. Im Buch “Election Fallout” beschreiben iranische Journalisten, die mittlerweile im Exil leben, unter welchen Bedingungen sie im Iran gearbeitet haben. Durch die authentischen Geschichten der Autoren entsteht ein reales Bild von Verzweiflung, Verfolgung, Haft, Schmerzen und dem Leben im Exil, aber auch von dem eigenen Kampf und dem starkem Willen, unter allen Umständen ein guter Journalist zu bleiben. Im Mittelpunkt der Geschichten stehen die Präsidentschaftswahlen von 2009 und die Proteste der grünen Bewegung, die auf sie folgten.

Die Journalistin Hengameh Shahidi übte Kritik an der Regierung Ahmadynedschad. Sie wurde verhaftet und wegen "Beleidigung des Präsidenten" und "Gefährdung der nationalen Sicherheit" zu 6 Jahren Haft verurteilt.

Die Journalistin Hengameh Shahidi übte Kritik an der Regierung Ahmadynedschad. Sie wurde verhaftet und wegen "Beleidigung des Präsidenten" und "Gefährdung der nationalen Sicherheit" zu 6 Jahren Haft verurteilt.

Es dauerte weniger als 24 Stunden bis die Stimmung kippte: Zuvor herrschte zumindest dem Schein nach Meinungsfreiheit und eine relative Unbeschwertheit, doch plötzlich war man mit Repressalien und willkürlicher Gewalt auf der Straße konfrontiert. So beschreibt Vahid Pourostad, Redaktionsleiter bei diversen iranischen Zeitungen, in dem Buch „Election Fallout“ den 13. Juni 2009. An diesem Tag ging Präsident Mahmoud Ahmadinedschad als erneuter Sieger aus den Präsidentschaftswahlen hervor. Kaum ein Journalist hatte mit diesem Ergebnis gerechnet, die Ereignisse überschlugen sich und es waren nur wenige Informationen verfügbar. Deshalb, so beschreibt es Pourostad, habe er damals persischsprachige Nachrichten aus dem Ausland verfolgt, um zu begreifen, was in seinem eigenen Land passierte. So erfuhr er auch, welche seiner Freunde oder Kollegen festgenommen worden waren. Einige Monate später kam der 36-Jährige selbst hinter Gitter.
Auch in der Geschichte von Seyed Shahin Nourbakhsh, eines weiteren iranischen Journalisten, spielt der 13. Juni 2009 eine Schlüsselrolle. An dem Tag habe er im Haus der reformorientierten Partei „Jebheh Mosharekat“ auf ein Interview mit dem Parteivorsitzenden Mohsen Mirdamadi gewartet. Kaum war die Sitzung der Vorstandsmitglieder beendet, stürmten mehrere Männer in Zivilkleidung das Gebäude. Kalter Schweiß habe sich auf seiner Stirn gebildet, als man den Parteivorsitzenden und Ex-Abgeordneten Mirdamadi gewaltsam in ein Auto zerrte, schreibt der 28-jährige Nourbakhsh. Er selbst wurde festgenommen und ins Teheraner Evin-Gefängnis gebracht.

Journalist: Kampf ums Überleben

Die 12 Journalistinnen und Journalisten in dem Buch „Election Fallout“ geben den Zahlen der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ ein Gesicht. Allein im ersten Jahr nach den Wahlen von 2009 wurden 170 Journalisten und Blogger festgenommen. 22 von ihnen wurden mittlerweile zu teils hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Nach dem aktuellen Bericht des Internationalen Komitees zum Schutz von Journalisten sitzen derzeit 42 iranische Journalisten hinter Gittern. Damit ist der Iran im zweiten Jahr in Folge das Land mit den meisten inhaftierten Reportern.
Dass die Pressefreiheit im Iran nicht erst seit 2009 in Gefahr ist, schildert im Buch der ehemalige Chefredakteur Reza Veisi. Eindrücklich stellt er dar, wie sich eine systematische Zensur im Iran entwickelt hat. In den 19 Jahren, in denen Veisi im Iran arbeitete, waren die sogenannten reformorientierten Zeitungen ständig im Visier des Staates und wurden immer wieder geschlossen. So musste der heute 39-Jährige etwa zehn Mal die Zeitung wechseln. Das Redaktionsteam änderte sich häufig nicht, sondern man gab der verbotenen Zeitung nur einen neuen Namen. Doch als die Regierung diese Methode bemerkte, bekamen die Neugründungen keine Genehmigungen mehr. So verkürzte sich die Überlebensdauer Veisis kritischer Zeitungen drastisch: allein zwischen 2000 und 2008 von achtzehn auf vier Monate.

Beruf: Journalist im Exil

Der inhaftierte Journalist Keyvan Samimi ist in schlechter gesundheitlicher Verfassung.

Der inhaftierte Journalist Keyvan Samimi ist in schlechter gesundheitlicher Verfassung.

Iranische Journalisten kommen, wenn sie Glück haben, mit einer Verschwiegenheitsverpflichtung aus dem Gefängnis heraus. Dazu kommen hohe Kautionssummen, die diese Journalisten finanziell ruinieren und so nachhaltig zum Schweigen bringen. Die wenigen, die es sich leisten können, ergreifen anschließend die Flucht. Sie fliehen über die Türkei, in der Hoffnung, von dort aus ein Visum für ein europäisches Land oder die USA zu bekommen. Viele von ihnen müssen monatelang in der Türkei ausharren, wo sie in Lagern häufig unter sehr schlechten Lebensbedingungen wohnen. Dazu kommt die ständige Angst vor dem iranischen Geheimdienst, der sie auch in der Türkei ausspähen kann, und vor einer Abschiebung in den Iran. Der deutsche Staat hat sich 2010 bereit erklärt, 50 iranische Journalisten, Blogger und Aktivisten aufzunehmen. Aus renommierten Journalisten werden so anonyme Flüchtlinge. Nur wenige von ihnen finden eine Stelle bei persischsprachigen Redaktionen und können ihren Beruf weiter ausüben. Bei Arash Hassan Nia, einem der Autoren von “Election Fallout”, klappte es. Der 36-Jährige schrieb im Iran als Wirtschaftsredakteur für zahlreiche reformorientierte Zeitungen und arbeitet heute beim „European Free Radio“ in Prag. In seiner Geschichte geht Hassan Nia auf die Probleme der sogenannten Exil-Journalisten ein. Sie können zwar im Ausland frei berichten, aber ihre Sender werden von der iranischen Regierung ständig mit Störsignalen unterbrochen, und ihre Internetseiten werden ausgefiltert. Deshalb bezweifelt Hassan Nia, dass der „Exil-Journalismus“ den notwendigen Druck auf die Politiker im Iran ausüben kann. Doch so lange unabhängige Berichterstatter dort mundtot gemacht werden, schreibt Hassan Nia, sei die Verantwortung der “Exil-Journalisten” umso größer, kritisch und wahrheitstreu zu berichten, um möglicherweise langfristig etwas bewirken zu können. Das dachte sich auch Vahid Pourostad, als er sich vor vielen Jahren um eine Redakteursstelle im Ausland bewarb. Nach seiner Festnahme, unter anderem wegen “Zusammenarbeit mit ausländischen Medien”, wollten die Ermittler wissen, wieso ein so renommierter Journalist den Iran verlassen wolle. Pourostad antwortete mit einer Gegenfrage: “Wenn Sie all unsere Zeitungen verbieten und uns systematisch seelisch und körperlich schikanieren, was bleibt uns dann anderes übrig als zu gehen?”
Election Fallout, in englischer Sprache, Hans Schiler Verlag Berlin, 250 Seiten, 2011 (eine Online-Version auf Farsi bietet die Friedrich Ebert Stiftung)

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