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Ramadan-Verweigerer spalten Web-Community

Iranische Ordnungskräfte greifen derzeit hart gegen vermeintliche FastenverweigerInnen durch und lösen damit gemischte Reaktionen in der iranischen Netzgemeinde aus. Während die einen das Vorgehen der Polizei rügen, begrüßen andere es. Ebenso gespalten sind die IranerInnen bei einem anderen Thema: der möglichen Wiedereröffnung der US-Botschaft in Teheran. mehr »

Millionen von Muslimen begehen derzeit auch im Iran den Fastenmonat Ramadan. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dürfen sie weder essen noch trinken noch rauchen: So schreibt es der Islam vor – und im Iran auch das Gesetz. Ausgenommen davon sind nur Kranke, Reisende, Hochschwangere, stillende und menstruierende Frauen. Wer nicht zu dieser Personengruppe gehört und als FastenverweigerIn von der Polizei überführt wird, muss nach islamischem Recht mit zwei bis zehn Monaten Gefängnis sowie mit bis zu 74 Peitschenhieben rechnen.

Und überführt wurden nicht wenige IranerInnen: In zahlreichen Städten wie Teheran, Schiraz und Hamedan soll es iranischen Medienberichten zufolge bereits zu Hunderten von Verwarnungen, Geldstrafen, Inhaftierungen und sogar Peitschenhieben gekommen sein. Für besonders großes Aufsehen sorgte die Verhaftung von 92 Personen, die in der Stadt Täbriz in einem Hotel gespeist hatten.

Unverständnis für die Strenge der Polizei

Viele IranerInnen können das rabiate Durchgreifen der Polizei nicht verstehen und lassen ihrer Wut online freien Lauf: „Hat denn die Polizei nichts Besseres zu tun, als in Parks und Coffeeshops nach FastenverweigerInnen zu suchen?“, fragt Armita auf dem Nachrichtenportal YJC. Ähnlich äußert sich Farez: „Wenn die iranische Polizei so viel Energie in die Bekämpfung wirklicher Verbrechen investieren würde wie sie in die Verfolgung von mutmaßlichen RamadanverweigerInnen und Frauen mit schlecht sitzendem Kopftuch steckt, dann wäre der Iran das Land mit der niedrigsten Kriminalitätsrate der Welt.“ Ein anderer Iraner schreibt auf Radio Farda: „Dieser Staat muss endlich damit Schluss machen, Menschen zu ihrem vermeintlichen Seelenheil zwingen zu wollen.“ Wenn die religiösen Autoritäten tatsächlich an Himmel und Hölle glaubten, dann sollten sie es Gott überlassen, über die FastenverweigerInnen zu richten, schreibt der anonyme Web-User. Auch Farshid, ein Besucher des konservativen Nachrichtenportals Fars News, ist der Überzeugung, dass die Herrschenden umdenken sollten: „Durch Haft und Peitschenhiebe ist noch niemand zu einem frommen Moslem geworden“, schreibt er. Soodeh pflichtet ihm bei: Solche Sanktionen führten nur dazu, dass der Islam in der Welt als eine „tyrannische Religion“ gesehen werde, so die Iranerin.

Die Polizei und der Fastenbrecher - das Foto ging durch das persischsprachige Internet.

Die Polizei und der Fastenbrecher – das Foto ging durch das persischsprachige Internet.

Doch nicht nur das Vorgehen der Ordnungskräfte sorgt bei der Netz-Community für Unmut. Einige Internet-User beklagen auch die vermeintliche Untätigkeit der Regierung angesichts dessen. So schreibt ein anonymer User auf YJC: „Wir haben Rouhani in der Hoffnung gewählt, dass er den ewigen Schikanen der Konservativen einen Riegel vorschiebt. Doch nichts ist passiert.“ Die Regierung sei zu sehr mit Außenpolitik beschäftigt, klagt Kaveh: „Rouhani gebührt Respekt, wenn es zu einem Atom-Deal mit dem Westen kommt. Aber die Menschen erwarten schon deutlich mehr von ihm.“ Es könne nicht sein, dass die Innenpolitik komplett den Konservativen überlassen werde, schreibt der Iraner weiter.

„Hart durchgreifen“

Die iranische Web-Gemeinde ist jedoch gespalten. So finden sich auch zahlreiche Stimmen, die sich über die iranischen FastenverweigerInnen empören. „Jeder ist frei zu fasten oder nicht“, schreibt beispielsweise ein Besucher der Webseite Jahan News. „Aber wer in der Öffentlichkeit isst, trinkt und raucht, will einfach nur provozieren.“ Wer so etwas mache, wolle sich mit Gott anlegen, findet Mohammad. „Ich erkenne mein Land nicht wieder“, klagt wiederum Ahmad auf dem Webportal Motadelan, „früher hat es so etwas nicht gegeben. Selbst die iranischen ChristInnen haben aus Respekt vor den gläubigen Moslems ihre Restaurants geschlossen.“
So befürworten auch nicht wenige IranerInnen das Vorgehen der Ordnungskräfte gegen die FastenverweigerInnen. „Die Polizei tut gut daran, hart durchzugreifen. Auch die GastronomInnen, die während des Ramadan tagsüber Speisen und Getränke anbieten, sollten bestraft werden“, schreibt Amir auf YJC. Ähnlich denkt auch Javad. Auf dem Nachrichtenportal Radio Zamaneh schreibt er: „Lang lebe die Polizei. Sie verteidigt die Ehre der Gläubigen, indem sie diejenigen bestraft, die sich über die Gesetze des Landes hinwegsetzen und den Islam beleidigen.“ Doch während die meisten StrafbefürworterInnen unter Bestrafung Geld- oder Haftstrafen sowie im härtesten Fall Peitschenhiebe verstehen, möchte eine Minderheit noch weitergehen: „Alle 92 Menschen, die in dem Hotel in Täbriz beim Essen erwischt worden sind, hätte man vor dem Hotel hinrichten müssen, damit es in den nächsten einhundert Jahren keiner mehr wagt, das Fasten zu verweigern“, schreibt Sajjad auf YJC. Solche Forderungen stoßen jedoch auch bei frommen MuslimInnen auf deutliche Ablehnung: Amir, der selber ein hartes Vorgehen der Ordnungskräfte fordert, antwortet ihm: „Du Idiot, wir sind die Islamische Republik und nicht der IS.“

US-Botschaft vor Wiedereröffnung?

Ebenso leidenschaftlich wird derzeit ein weiteres Thema unter den iranischen Web-UserInnen diskutiert: Medienberichten zufolge besteht laut der Einschätzung des Vorsitzenden des iranischen Schlichtungsrates Ayatollah Ali Akbar Rafsanjani, der als Vertrauter des moderaten Staatspräsidenten Hassan Rouhani gilt, die Möglichkeit, dass die US-Botschaft im Iran nach 36 Jahren wiedereröffnet wird. 1979 hatten AnhängerInnen des mittlerweile verstorbenen iranischen Revolutionsführers Ayatollah Ruhollah Khomeini die US-Botschaft in Teheran gestürmt. Washington brach daraufhin alle diplomatischen Beziehungen ab.

Besetzung der US-Botschaft in Teheran am 4. November 1979

Besetzung der US-Botschaft in Teheran am 4. November 1979

„Gut so“, kommentiert Vahid die Meldung des Nachrichtenportals VOA. Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Staaten sei ein „historischer Fehler“ gewesen, den es zu bereinigen gelte. Auch Arash wünscht sich normale Beziehungen zu den USA: „Es wäre schön, wenn eine Wiedereröffnung der Botschaft mit freundschaftlichen und friedlichen Beziehungen zwischen beiden Staaten einhergehen würde“, schreibt er. „Die Erstürmung der US-Botschaft hat nur den Konservativen zu politischer Macht verholfen. Für die große Mehrheit der Bevölkerung hat diese Aktion jedoch gravierende Folgen gehabt, unter denen sie noch bis heute leidet“, schreibt ein anonymer VOA-User. Ähnlich sieht das ein Bahar NewsLeser mit dem Pseudonym Fadaye Iran: „Die Wiedereröffnung der US-Botschaft in Teheran wäre ein Segen für die IranerInnen. Das Land würde einen gewaltigen Schritt nach vorne machen, wenn das tatsächlich passiert“, glaubt er. „Es wird auch langsam wieder Zeit. Selbst die UdSSR, die der größte Feind der USA war, hat trotz aller Feindschaft zu den USA niemals deren Botschaft in Moskau geschlossen. Und auch Kuba und die USA, die sich über Jahrzehnte so feindselig gegenüberstanden, haben nun beschlossen, in ihren Hauptstädten die Botschaften der Gegenseite wiederzueröffnen. Auch wir sollten die Zeichen der Zeit erkennen“, schreibt ein anonymer User des Nachrichtenportals Jahan News.

Nein zum „Nest der Spione“

Eine Wiedereröffnung der US-Vertretung in Teheran findet unter den IranerInnen jedoch nicht nur Zuspruch: „Die Wiedereröffnung der Botschaft wäre gleichzusetzen mit Verrat an den Idealen des Revolutionsführers Khomeini“, schreibt ein konservativer Besucher der Nachrichtenseite Fetan. „Lieber sterbe ich, als mit den VerbrecherInnen am iranischen Volk Freundschaft zu schließen“, ätzt wiederum Imaan auf der Facebookseite von BBC PERSIAN. „Das Nest der Spione“ dürfe nicht wiedereröffnet werden, findet auch Fatemeh. Ebenso denkt Mahmood. Unter einem Beitrag auf dem Nachrichtenportal Jahan News schreibt er: „Die USA horchen selbst ihre engsten Verbündeten wie Deutschland und Frankreich aus. Nach all dem, was sie uns angetan haben, wollen wir sie jetzt freiwillig zum Spionieren zu uns nach Hause einladen?“ Noch konfrontativer äußert sich ein Bahar-NewsUser mit dem Pseudonym Afsare Javan: „Sollen sie doch die Botschaft wieder aufmachen. Dann stürmen wir sie eben erneut!“, droht er.
Darüber kann Davood nur schmunzeln: „Du bist einfach nur lächerlich. Siehst du denn nicht, dass die Zeiten sich geändert haben? Selbst diejenigen, die 1979 an der Erstürmung und der anschließenden Geiselnahme beteiligt waren, distanzieren sich heute mehrheitlich von ihrem damaligen Vorgehen. All das Leid, das wir heute im Iran ertragen müssen, verdanken wir Radikalen wie dir. Niemals werden wir zulassen, dass ihr ein zweites Mal solch eine Dummheit begeht“, schreibt der Iraner.

JASHAR ERFANIAN