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Kopftuchdebatte im Iran „Die Mädchen“ und die Ayatollahs

Staatlicher Kleiderzwang: ja oder nein? Diese Frage spaltet die iranische Gesellschaft. Nicht nur in der Bevölkerung, auch innerhalb der Geistlichkeit wird heftig gestritten. Während eine Minderheit den so genannten Hidjab mit allen Mitteln verteidigen will, erklären andere, im Koran gebe es keinen entsprechenden Zwang. Der Iran stehe vor einem sozialen Erdbeben, glauben sogar die Regierenden. In einer solchen Situation ist das Kopftuch mehr als nur ein Stück Stoff. mehr »

Allein der Name dieser „Bedrohung“ strotzt vor Einfallsreichtum. „Mädchen der Revolutionsstraße“ nennen sie sich und sie sind tatsächlich die Mädchen der Revolution. Sie sind in der islamischen Republik geboren und aufgewachsen – mehr nicht. Denn sie verkünden mit ihrem ironischen Namen, dass sie mit dieser real existierenden Dauerrevolution nichts im Sinn haben. Ihre Waffe ist ein Kopftuch, meist in Weiß, befestigt an einem Stock, den die Protestierende hoch hält. Oft stellt sie sich dabei auf eine Erhebung – und schweigt. Sie achtet nicht auf Reaktionen ihrer Umgebung und strahlt eine respekteinflößende Furchtlosigkeit aus. Und im Nu verbreitet sich ihr Bild über soziale Netzwerke im ganzen Land und darüber hinaus. Vierzig Millionen IranerInnen sind mit dem Internet verbunden. Diese Protestform ist deshalb erfolgreich und bleibend, weil sie in ihrem Habitus und Erscheinungsbild entmachtend und entwaffnend ist. Und sie unterscheidet sich von allem, was der Gottesstaat seit seinem Bestehen erlebt – und eliminiert – hat.

Der Widerstand ist weiblich, friedlich, mutig und phantasievoll. Und er hört nicht auf, Bewunderer, Nachahmer und UnterstützerInnen im ganzen Land und im Ausland zu finden. Der männliche Sicherheitsapparat dagegen kennt nur Gewalt, Gängelung und Gefängnis. Es prallen also zwei völlig verschiedene Welten, gegensätzliche Werte, zwei verschiedene Haltungen aufeinander. Dieser Protest ist ansteckend und nachahmenswert. Daher ist er gefährlich.

Ein Hauptthema aller Freitagsprediger

Die „Mädchen der Revolutionsstraße“ haben inzwischen vieles revolutioniert. Sie haben die islamische Republik in ihrem Kern gespalten. Die unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Fatwas über den Hidjab, die dieser Tag aus der heiligen Stadt Qom, dem Zentrum der schiitischen Gelehrsamkeit, verbreitet werden, zeugen von einer tiefen Unsicherheit innerhalb der Geistlichkeit.

Seit vier Wochen ist der Hidjab ein Hauptthema aller Freitagsprediger im ganzen Land. Am vergangenen Freitag jedoch hat in Teheran in seiner Predigt Ahmad Khatami, der bekannteste, radikalste und zugleich einflussreichste aller Freitagsprediger, etwas Sensationelles gesagt: „Schlimmer als die Frauen, die ohne Hidjab in der Öffentlichkeit erscheinen, sind jene, die diese Sünde religiös rechtfertigen.“ Würde der Hidjab verschwinden, so der Prediger weiter, bliebe von der Islamischen Republik nichts übrig. Und Khatami hat Recht. Der staatliche Kleiderzwang ist das wichtigste Symbol des Gottesstaates und es gibt ihn nirgendwo außer im Iran.

Protest gegen den Schleierzwang im Rahmen der landesweiten Aktion "heimliche Freiheiten"

Protest gegen den Schleierzwang im Rahmen der landesweiten Aktion „heimliche Freiheiten“

 

Deshalb geht unter den herrschenden Mullahs die Angst um. Makarem Schirazi, der wichtigste und mächtigste Ayatollah des Iran, forderte am vergangenen Freitag die Bevölkerung auf, selbst gegen Frauen ohne Hidjab vorzugehen, selbst die Gewalt in die Hand zu nehmen – wie in einem Krieg, wo der Befehlshaber abwesend ist. In der besagten Erhebung des Innenministeriums, in der von den drei Vierteln Unzufriedener die Rede ist, schreiben die Autoren auch, mehr als 60 Prozent der IranerInnen träten für einen freiwilligen Hidjab ein.

Grenze der Unterdrückung erreicht?

Seit Beginn dieser neuen Aktionsform wurden allein in Teheran 35 Frauen verhaftet. Aus anderen Städten liegen keine genaue Zahlen vor, nur Meldungen über sporadische Verhaftungen. Die letzte Verhaftete heißt Maryam Schariatmadari, eine 32-jährige IT-Spezialistin, die am 28. Februar in Teheran auf einen Verteilerkasten stieg und ihr Kopftuch wie eine weiße Fahne in die Luft hielt. Sie wurde von einem Zivilpolizisten heruntergeschubst und brach sich dabei ein Bein. Doch sie wurde nicht ins Krankenhaus, sondern zunächst ins Gefängnis gebracht. Dort befinde sie sich im Hungerstreik, sagt ihre Anwältin Nasrin Sotudeh.

Ikone der Frauenbewegung

Härte, Einschüchterung und Verhaftungen nützten nichts – diese Protestform werde kein Ende nehmen, sie vervielfältige sich ständig, sagt die Anwältin Sotudeh. Sie muss es wissen. Die 52-jährige Juristin ist eine Ikone der iranischen Frauenbewegung. In ihrem Leben hat die Sacharow-Preisträgerin fast alles erfahren, was einer Frauenrechtsaktivistin in der islamischen Republik widerfahren kann. Verurteilung zu elf Jahren Gefängnis, 20 Jahre Berufsverbot als Anwältin, Ausreiseverbot und viele Schikanen mehr – von täglichen Morddrohungen ganz zu schweigen. Doch Sotudeh lässt sich nicht einschüchtern. Die Verteidigung vieler „Mädchen der Revolutionsstraße“ betreibt sie mit unermüdlichem Engagement und informiert regelmäßig die Presse über die Situation ihrer Mandantinnen. „Die Mädchen der Revolutionsstraße sind das Produkt unseres vierzigjährigen Fehlers: In all diesen vergangenen Jahrzehnten haben wir uns den Frauen gegenüber immer falsch verhalten“, sagt Soheila Djelodarzadeh, die seit 20 Jahren als Abgeordnete im iranischen Parlament sitzt, mal für die Reformer, mal für die Hardliner.

Präsident zwischen allen Stühlen

Irans Präsident Hassan Rouhani bleibt nicht anderes als zu schweigen. Mehr Freiräume hatte er den Frauen versprochen und hat es doch nicht vermocht, eine Frau zur Ministerin, Universitätsrektorin oder Bürgermeisterin einer Großstadt zu ernennen. Und das in einem Land, in dem Frauen über 60 Prozent der Studierenden stellen. Am vergangenen Freitag hatte Rouhani in seinem Regierungssitz den FIFA-Präsidenten Gianni Infantino zu Gast. Dem Fußballfunktionär konnte der Präsident nicht versprechen, ob iranische Frauen jemals Fußballspiele in einem Stadium miterleben dürfen.

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