transparent
Iran Journal Logo
Ein Projekt von Transparency for Iran Logo

Zurück in die Zukunft?

Sie war ein wichtiger Bestandteil ihrer Außenpolitik, eine Art Geburtsmal der islamischen Republik: die Geiselnahme, mal direkt, mal indirekt durch den wichtigsten Verbündeten, die libanesische Hizbollah. Auch die Deutschen und die deutsche Diplomatie haben das erfahren. mehr »

Auch die Islamische Republik machte mit dieser Geiselnahme eine besondere Erfahrung: Kidnapping kann ein wirksames Element der Diplomatie sein. Deshalb ließ der Gottesstaat in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts etliche westliche Geiseln mithilfe der Hizbollah gefangen nehmen, trat dann später selber als „Vermittler“ an und presste im Austausch Terroristen frei oder ergatterte Konzessionen.

Deutschland traf es mit der Entführung des Hoechst-Managers Rudolf Cordes und des Siemens-Technikers Alfred Schmidt 1987 in Beirut besonders hart. Die Hizbollah wollte mit dieser Geiselnahme den in Deutschland inhaftierten libanesischen Terroristen Mohammed Ali Hamadi freipressen.

Hamadi war Mitglied eines Kommandos, das 1985 den TWA-Flug 847 entführt hatte und zwei Wochen lang die Weltöffentlichkeit in Atem hielt. Die Crew und die Passagiere dieser Maschine erlebten zunächst einen dreitägigen Irrflug durch verschiedene Staaten, sie sahen zu, wie ein amerikanischer Passagier an Bord erschossen wurde, und viele von ihnen wurden nach dem Ende des Irrflugs zwei Wochen lang von der Hizbollah in Beirut festgehalten.

Das Entführungskommando leitete Imad Mughnieh, der bis heute wie ein Held verehrt wird, viele halten ihn für das „Mastermind des schiitischen Terrorismus“. Das FBI führte ihn auf der Liste der 22 meistgesuchten Terroristen, US-Behörden hatten auf seinen Kopf 25 Millionen Dollar gesetzt. Die libanesische Hizbollah prahlte einmal, niemand habe nach dem Zweiten Weltkrieg bei Terroranschlägen mehr Juden getötet als Imad Mughnieh.

Mughnieh hatte eine sehr enge, manche sagen emotionale Beziehung zu Qassem Soleymani, dem Kommandeur der Quds-Brigaden der iranischen Revolutionsgarden. Beide befanden sich am 12. Februar 2008 in Damaskus, als der CIA und Mossad-Agenten Mughnieh töteten. „Wir durften Soleymani nicht eliminieren“, berichtete später einer der Agenten der Washington Post.

Einen Tag nach diesem Anschlag adoptierte Qassem Soleymani Mughniehs Sohn Jihad. Auch dieser wurde sieben Jahre später in Syrien durch einen Angriff der Israelis getötet.

Während Mughnieh bei der Entführung der TWA-Maschine das Kommando führte, fungierte Hamadi eher als Befehlsempfänger und Gehilfe. Zwei Jahre nach dieser Entführung wurde Hamadi auf dem Frankfurter Flughafen verhaftet, als er versuchte, flüssige Sprengstoffe zu schmuggeln. Vier Tag nach seiner Festnahme begann in Beirut die Geiselnahme der Deutschen Rudolf Cordes und Alfred Schmidt.

Mohammad Ali Hamadi: Die Entscheidung zu der Flugzeugentführung ist nicht in Beirut, sondern in Teheran gefallen!

Mohammad Ali Hamadi: Die Entscheidung zu der Flugzeugentführung ist nicht in Beirut, sondern in Teheran gefallen!

 

Planer und Vermittlerzugleich

Der Prozess gegen Hamadi, der aus Sicherheitsgründen in einem Frankfurter Gefängnis stattfand, war ein nationales Ereignis, an dem Dutzende Journalisten aus allen Ländern teilnahmen*. Bei dieser Gerichtsverhandlung gab Hamadi mehrmals zu verstehen, dass die Entscheidung zu der Flugzeugentführung nicht in Beirut, sondern in Teheran gefallen sei. Er wurde schließlich zu 19 Jahren Haft verurteilt und 2005 vorzeitig aus der Haft entlassen und in den Libanon abgeschoben. Er sei nicht mehr gefährlich, urteilten die zuständigen Behörden. Kam auch diese Entlassung durch eine Geiselnahme zustande, vermittelte der Iran dabei einen Handel, mit dem man die Freilassung der deutschen Geisel Susanne Osthoff im Irak erreichen wollte? Spekulationen und Vermutungen wollten damals nicht enden, zumal israelische Zeitungen schon 2004 über Hamadis bevorstehende Freilassung berichtet hatten.

Kehrt die Geschichte zurück?

Sollen Geiselnahmen wieder ein Element der iranischen Außenpolitik werden? Wohl kaum. Warum aber streiten Parlamentsabgeordnete und Außenminister über Für und Wider einer Festsetzung deutscher Diplomaten?

Jener harte Kern der iranischen Macht, der immer seine eigene Außenpolitik betrieb und das Außenministerium stets links liegen ließ, scheint in den vergangenen Monaten wieder aktiv geworden zu sein. Das vereitelte Attentat in Paris, zwei Morde in den Niederlanden, ein gescheiterter Mordplan in Dänemark – sind das Aktionen, die an Zarifs Außenministerium vorbei von den Hardlinern geplant und durchgeführt wurden?

Wie dem auch sei: Die ominösen Debatten im Parlamentsausschuss, ob man deutsche Diplomaten festsetzen solle oder nicht, sind nur Nachwehen dieser Aktionen.♦

*Ali Sadrzadeh berichtete ein Jahr lang als ARD-Hörfunkreporter über den Hamadi-Prozess.

Zur Startseite

Auch diese Artikel können Sie interessieren:

Die deutsche Außenpolitik im Atomkonflikt

Wie der Dialog mit Iran „kritisch“ wurde


Seite — 1 2 3