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Iranische Web-Community streitet über AfD-Triumph

Die Wiederwahl Merkels und der Aufstieg der AfD sorgen unter IranerInnen für Kontroversen. In Online-Debatten prallen unterschiedliche Interpretationen aufeinander. Es gibt auch Zuspruch für die AfD. Ein Webwatch. mehr »

Von Jashar Erfanian

„Viva Merkel“, frohlockt Omid auf der Facebookseite von Euronews Persian. „Glückwunsch zu diesem großartigen Sieg“, jubelt ein anderer User. Geht man von den Kommentaren auf den einschlägigen sozialen Medien aus, scheint die Freude über die Wiederwahl der deutschen Bundeskanzlerin bei vielen IranerInnen groß zu sein. Frau Merkel sei „der Stolz der ganzen Welt“, schreibt etwa Reza auf der Facebookseite von Deutsche Welle Farsi. Andere IranerInnen äußern sich ähnlich: Die deutsche Regierungschefin sei „die fähigste Politikerin“ und bereits jetzt „eine legendäre Figur der Geschichte“. Voll des Lobes ist auch Bahareh: „Ich lebe in Deutschland und habe aus vollster Überzeugung der Kanzlerin und ihrer Partei meine Stimme gegeben. Die Freude darüber, dass Merkel weitere vier Jahre dieses Land regiert, ist groß“, schreibt die Iranerin unter einem Nachrichtenbeitrag von DW Farsi.

Viel Zuspruch für AfD-Islamophobie

Nicht so recht kann sich Bahareh dagegen über den Einzug der fremdenfeindlichen AfD in den deutschen Bundestag freuen. 13 Prozent der Deutschen seien offenbar Nazis, so die Iranerin. Dies sei „erschreckend“ und auch ihr deutscher Lebenspartner würde sich für den Wahlerfolg der Rechtspopulisten schämen. „Doch es waren nicht nur gebürtige Deutsche, sondern auch viele Menschen mit Migrationshintergrund, die die diese Partei gewählt haben“, schreibt Bahareh.

Angesichts der zahlreichen positiven Äußerungen aus der iranischen Online-Community zum Triumph der AfD könnte das stimmen. Die AfD sei keine fremdenfeindliche Partei, denn die Spitzenkandidatin [Alice Weidel] sei mit einer Ausländerin zusammen, schreibt ein Besucher der iranischen Nachrichtenseite Kayhan London mit dem Pseudonym Iranie Rastgoo. „Die AfD will lediglich dafür sorgen, dass Deutschland nicht von Moslems überrannt wird“, so der Iraner, der mit seiner Islamfeindlichkeit nicht alleine ist. „Das sind keine Extremisten, sondern lediglich Menschen, die nicht tatenlos zusehen wollen, wie Schritt für Schritt die einheimische Kultur durch eine islamische ersetzt wird“, schreibt Dideban unter einem Nachrichtenbeitrag von Radio Farda. „Ich hoffe, dass die AfD den Islam aufhalten wird, denn Europa muss christlich geprägt bleiben“, schreibt ein Besucher der Webseite, der ironischerweise den Namen Ali trägt. Ein anderer User schreibt: „Ich will nicht eines Tages herausfinden müssen, dass meine Made-in-Germany-Produkte von Afghanen hergestellt wurden.“

Geht es nach manchen iranischen Web-Usern, muss Angela Merkel gar für ihre Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik bestraft werden: Die Bundeskanzlerin habe Deutschland zerstört und gehöre deswegen vor ein Gericht, schreibt ein anderer Besucher der Webseite mit dem Pseudonym Jorme Khianat. „Die Deutschen scheinen sich alle paar Jahrzehnte gerne selbst in den Abgrund treiben zu wollen. Erst die Katastrophen des 1. und. 2.Weltkrieges, jetzt die Merkel-Katastrophe, die den Moslems Tür und Tor geöffnet hat. Das Resultat ihrer Politik ist verheerender als jeder Atombombenabwurf über Deutschland“, ätzt Behnam auf Voice of America Persian. Farid wiederum schreibt: „Seit dem 2.Weltkrieg hatten es rechte Parteien in Deutschland schwer, auch nachdem so viele TürkInnen und IranerInnen nach Deutschland kamen. Seitdem aber vor zwei Jahren so viele AfghanInnen und AraberInnen nach Deutschland gekommen sind, erstarkt die Rechte.“ Dafür seien die Flüchtlinge aus Afghanistan und den arabischen Ländern verantwortlich, schreibt er auf der Facebookseite von BBC Farsi.

Merkels Sieg wurde in den iranischen Medien gefeiert - auf der Titelseite der Tageszeitung Etemad steht: "Die unbesiegbare Lady"

„Merkels Sieg“ wurde in den iranischen Medien gefeiert – auf der Titelseite der Tageszeitung Etemad steht: „Die unbesiegbare Lady“

 

Entsetzen über rechte Tendenzen

Doch viele IranerInnen wehren sich gegen solche und ähnliche Aussagen. Ein Beispiel dafür ist die Antwort Mehdis auf Farids Ausführungen: „Wir vergessen offenbar, dass wir Exil-IranerInnen fast alle als Flüchtlinge unsere Heimat verlassen haben. Die AraberInnen und AfghanInnen sind Flüchtlinge, genau wie wir. Diese Menschen sind genauso gut oder schlecht wie wir. Und was Manieren angeht, sind wir ihnen auch nicht voraus.“ Ein anderer BBC-User schreibt: „Es ist für mich unbegreiflich, dass es unter meinen Landsleuten offenbar so viele Nazis gibt. Schämt euch!“

Der Sieg der AfD sei „nicht weniger als eine schreckliche Nachricht“, findet auch Mohammad. Es sei eine „politische Katastrophe, dass es 72 Jahre nach der vernichtenden Niederlage des Faschismus eine solche Partei wieder geschafft hat, in Deutschland an Einfluss zu gewinnen“, schreibt der Twitter-User SabaLM. Entsetzt zeigt sich auch der Twitterer Nasser13MB: „Dieser Wahltag wird als Schwarzer Sonntag in die Geschichte Deutschlands eingehen“, prophezeit der Iraner. „Die AfD ist die größte Bedrohung für Deutschland“, schreibt auch Kian auf der Facebookplattform von Deutsche Welle Farsi.

Manche IranerInnen ärgern sich auch über die positiven Reaktionen über den Wahlsieg Angela Merkels: „Gerade erst ist die fremdenfeindliche AfD ins deutsche Parlament eingezogen und Ihr habt nichts anderes zu tun, als Merkel zuzujubeln“, wütet Morteza auf Deutsche Welle Farsi. Enttäuscht zeigen sich auch manche vom deutschen Wahlvolk. Das Wahlergebnis sei „sehr besorgniserregend“. Die Deutschen hätten am Sonntag ihr „wahres Gesicht“ gezeigt, schreibt Mohsen auf Radio Farda.

Relative Gleichgültigkeit

Doch nicht alle in der iranischen Web-Community möchten sich auf eine emotionalisierte Debatte einlassen. „In Deutschland hat man auch nur die Wahl zwischen einem großen und einem kleineren Übel“, schreibt ein anonymer User der Webseite Radio Farda. Ähnlich äußert sich ein anderer anonymer Besucher der Nachrichtenseite: Es mache keinen Unterschied, wer in Deutschland das Sagen habe. Ein Iraner mit dem Pseudonym Zanzalil schreibt: „Im Kapitalismus gibt es keine richtige Wahl. Die Menschen erliegen der Illusion, dass ihre Stimme etwas bedeute. Ich bin dieses Mal zwar auch wählen gegangen, aber nur deshalb, weil meine Frau mich dazu gezwungen hat.“

Anders sieht es Sayena. Auf der Facebookseite von BBC Farsi schreibt sie: „Im Gegensatz zu der Wahlfarce im Iran haben wir in Deutschland eine echte Wahl.“

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