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Kein gutes Land zum Altern

Die Zahl der SeniorInnen im Iran wächst. Der Staat hat ihnen jedoch kaum etwas zu bieten. 30 Prozent der SeniorInnen haben weder Kranken- noch Rentenversicherung. So leben viele ältere IranerInnen in Abhängigkeit von ihren Kindern und Enkeln. Eine Bestandsaufnahme. mehr »

Der Iran ist ein junges Land. Nur etwa sechs Millionen seiner insgesamt 70 Millionen EinwohnerInnen sind älter als 60 Jahre. Doch das wird sich ändern: Nach Schätzungen der iranischen Amtes für Statistik wird sich die Zahl der SeniorInnen in den kommenden vierzig Jahren verdreifachen. Denn ebenso wie in Deutschland gehen auch in der Islamischen Republik die Geburtenzahlen zurück. Immer mehr IranerInnen ziehen es aufgrund der unsicheren Wirtschaftslage vor, auf das Kinderkriegen zu verzichten. Dazu ist der allgemeine Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung ein Grund für die Alterung der iranischen Gesellschaft.

Wenig Angebote

Im Iran wird von den Nachkommen erwartet, dass sie die Pflege und Versorgung der Eltern übernehmen, nicht der Staat!

Im Iran wird von den Nachkommen erwartet, dass sie die Pflege und Versorgung der Eltern übernehmen, nicht der Staat!

„Alt-sein ist im Iran nicht einfach“, sagt die Teheraner Psychologin Maliheh Etemadi im Gespräch mit TFI. Viele SeniorInnen hätten das Gefühl, vom Staat und von der Gesellschaft vergessen worden zu sein. Die Städte seien alles andere als seniorengerecht, auch Freizeitangebote fehlten, so Etemadi. Dazu kämen finanzielle und gesundheitliche Sorgen. „All das wirkt sich negativ auf die Psyche der SeniorInnen aus“, erklärt die Psychologin. Depressionen seien bei Älteren daher „leider keine Seltenheit“.

Der Staat müsse deshalb Konzepte für eine bessere gesellschaftliche Integration älterer Menschen entwickeln, fordert auch die Vorsitzende des Dachverbands iranischer SoziologInnen, Alieh Shekarbeygi. „SeniorInnen muss das Gefühl der Ausgrenzung genommen werden. Sie müssen ihre persönlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Bedürfnisse erfüllen können“, sagt Shekarbeygi der staatlichen Nachrichtenagentur IRNA.

Unterstützung fehlt

Dass derzeit die Bedingungen für ein langes und erfülltes Leben im Iran alles andere als günstig sind, weiß auch der staatliche SeniorInnenbeauftragte Hossein Nahvinejad. Wie Shekarbeygi ist er der Überzeugung, dass die Politik dafür Sorge tragen müsse, dass SeniorInnen ein würdiges Leben führen können. Nahvinejad zufolge haben 30 Prozent der SeniorInnen weder Kranken- noch Rentenversicherung und sind deshalb auf die finanzielle Hilfe und Verpflegung ihrer Nachkommen angewiesen. Das müsse sich ändern, so Nahvinejad gegenüber IRNA. Doch auch jene SeniorInnen, die eine Rente erhielten, seien oft auf die eigene Familie angewiesen, da die Rentenzahlungen angesichts steigender Lebenshaltungskosten zu niedrig seien.

Derzeit leben landesweit etwa 150.000 Menschen in Seniorenheimen

Derzeit leben landesweit etwa 150.000 Menschen in Seniorenheimen

Pflegebedürftige SeniorInnen, die nicht die Möglichkeit haben, bei der Verwandtschaft unterzukommen, werden in staatlichen Seniorenheimen versorgt. Derzeit leben landesweit etwa 150.000 Menschen in solchen Einrichtungen. Doch die Versorgung in den staatlichen Einrichtungen sei oft unzureichend, so Kritiker. Wer es sich leisten kann, zieht es daher vor, ältere Verwandte selbst zuhause zu pflegen oder private Pflegekräfte zu engagieren.

Häusliche Pflege

Die Zahl der in Privathaushalten beschäftigten Pflegekräfte sei in den vergangenen Jahren rasant gestiegen, so Parvin Akrami, Mitarbeiterin einer Teheraner Pflegevermittlungsagentur gegenüber TFI: „Da viele Familien aufgrund beruflicher Verpflichtungen nicht in der Lage sind, sich um ältere Familienangehörige selbst zu kümmern, können private Pflegekräfte eine gute Alternative zu den maroden Seniorenheimen sein.“ Leider sei dieser Service aber nicht für jedermann erschwinglich. Zudem würden sich noch immer viele IranerInnen schämen, die Hilfe Außenstehender anzunehmen, so Akrami.

Wie Roya aus Isfahan: „In der traditionell geprägten Gesellschaft des Iran wird von den Nachkommen erwartet, dass sie die Pflege und Versorgung der Eltern übernehmen, nicht der Staat. Aus diesem Grund kümmert sich die Politik auch kaum um unsere SeniorInnen“, sagt die 35-jährige Lehrerin, die ihre Mutter pflegt. Und das würde sie auch tun, wenn es bessere Seniorenheime gebe, sagt Roya: „Ich will schließlich nicht als schlechte Tochter dastehen.“

 JASHAR ERFANIAN / NAHID FALLAHI