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Islam und Gewalt

Ist der Islam eine Religion der Gewalt? Rechtfertigt er den Tod von Zivilisten? Auf diese und andere Fragen geht der iranische Theologe Hassan Yussefi Eshkevari in seinem Gastbeitrag für Iran Journal ein. mehr »

Auch in den frühen Jahren der islamischen Geschichte findet man solche Tendenzen. Begreift man den Islam als die Summe der Gebote des Koran und der Worte und Taten des Propheten Mohammed, liefern diese genug Stoff für eine breite Palette von Interpretationen – die zum Teil widersprüchlich sind.

Noch in der Zeit des Propheten wurde der Islam sowohl streng radikal als auch moderat, human und tolerant ausgelegt. Nach dem Tod des Propheten und im Streit über seinen Nachfolger wurde ein arabisch-islamisches Kalifat gegründet. Damit gewann ein totalitärer, eroberungsfreudiger und gewalttätiger Islam die Oberhand.

Diese Version des Islams zieht sich unter anderem durch das Kalifat der Umayyaden (661 bis 750 n.Chr.) und der Abbasiden (750 bis 1571) sowie das Osmanische Reich (1299 bis 1922) und einige Dynastien im Iran wie die Safawiden (1501 – 1722) durch die Geschichte.

Nach dem Untergang des Kalifats

Mit dem Untergang des traditionellen autoritären Kalifats Anfang der 1920er Jahre wurde erwartet, dass der totalitäre Islam den westlich orientierten semi-modernen politischen Systemen weicht. Der Zerfall des Osmanischen Reichs löste jedoch ein starkes Machtvakuum im Nahen Osten aus. In den vergangenen hundert Jahren haben unterschiedliche islamisch-religiöse Bewegungen – beispielsweise die im Jahr 1928 in Ägypten gegründeten Muslimbrüder – vergeblich versucht, die traditionelle Macht wiederzubeleben.

Der schiitische Geistliche und Schriftsteller Hassan Yussefi Eshkevari findet für das Verbot der Frauengesangs keine religiösen Grundlagen

Yussefi Eshkevari: Gewaltausübung und Unterdrückung reproduziert sich aufgrund der religiösen und geschichtlichen Begebenheiten

Dieser Konflikt nahm nach den terroristischen Anschlägen vom 11. September 2001 und den darauffolgenden Feldzügen der USA und einigen europäischen Länder im Nahen Osten neue Dimensionen an. Dazu wurden in den islamischen Ländern alte anti-koloniale Gefühle beflügelt.

Auch der so genannte „Arabische Frühling“ im Jahr 2012 war eine Reaktion auf die fehlende islamisch-arabische Macht in der Region, die allerdings die Situation der islamischen Welt und der Muslime noch komplizierter machte.

Status Quo

Vor diesem Hintergrund kann man feststellen, dass:

Erstens: Gewaltanwendung in der heutigen islamischen Welt ihre Wurzeln in den politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Problemen, kurz in der Zivilisationskrise hat. Deren Hauptursache liegt in dem durch den Zerfall des Osmanischen Reichs entstandenen Machtvakuum. Auch die lange Tradition des westlichen Kolonialismus in der Region und insbesondere die Einmischung westlicher Mächte in die Angelegenheiten der islamischen Welt in den letzten Jahren haben bei der Entstehung von Gewaltausbrüchen eine enorme Rolle gespielt.

Zweitens: Gewaltausübung und Unterdrückung reproduzieren sich aufgrund der religiösen und geschichtlichen Begebenheiten. Den einen Islam gibt es nicht, dem man das ganze Übel oder das Gute zuschreiben könnte. Der Islam ist wie das Christentum angefüllt mit unterschiedlichen Interpretationen aus geschichtlichen Überlieferungen.

Drittens: Trotz allen Gewalttaten und Kriegen unter Muslimen oder zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen behält die friedliche und tolerante Interpretation der Religion die Oberhand. Die meisten Muslime leben miteinander und mit Nichtmuslimen friedlich zusammen.

Der sogenannte „Islamische Staat“ rechtfertigt seine Gräueltaten mit religiös-historischen Belegen. Doch kann man anhand vorhandener Dokumente beweisen, dass sich solche Interpretationen auf schwache Argumente und Belege stützen. Die gewalttätigen Muslime machen sich auf der einen Seite die widersprüchlichen Überlieferungen traditioneller islamischer Quellen zunutze, auf der anderen Seite schlagen sie Kapital aus den großen Konflikten der islamischen Welt mit dem interventionssüchtigen Westen sowie dem zivilisatorischen Rückstand in manchen islamischen Ländern. Für die Radikalislamisten ist ein Islam ohne Gewalt oder politische Macht hohl und sinnlos.

Fakt ist, dass die Mehrheit der Muslime nach wie vor an eine friedliche Auslegung des Islam glaubt. Im Iran etwa denken  die Mehrheit der muslimischen Bevölkerung und die gemäßigten Kräfte des herrschenden Systems wie Ayatollah Montazeri und folgen nicht den extremistischen Ideen von Ayatollah Chomeini.

Die Muslime, auch im Westen, leiden am meisten unter den unmenschlichen und anti-islamischen Gräueltaten der Terroristen, die im Namen des Islams handeln.

  HASSAN YUSSEFI ESHKEVARI*

Übertragen aus dem Persischen und überarbeitet: Iman Aslani

*Hassan Yussefi Eshkevari ist ein schiitischer Geistlicher – mit dem religiösen Titel Hodjatol-Islam -, Schriftsteller und Philosoph. Er gehört zu den bedeutendsten Islamforschern des Iran und lebt derzeit in Deutschland. 

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