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Die iranische Opposition Zwischen Opferrolle und Selbstverantwortung

Die iranische Opposition könnte emanzipativ wirken. Doch es kommt immer wieder vor, dass Teile der Opposition ungewollt ideologische und politische Hilfestellung für das Regime in Teheran bieten. Dieser Effekt ist in letzter Zeit besonders bei manchen Anti-Kriegsaufrufen zu beobachten. Eine Analyse von Dawud Gholamasad. mehr »

Dieser Charakterzug der Iraner wurde in dem 1971 in Teheran veröffentlichten satirischen Roman, „Mein Onkel Napoleon“ von Iraj Pezeshk-Zad meisterhaft nachgezeichnet. Er hält den Iranern einen Spiegel vor und verspottet humorvoll Charaktere der iranischen Gesellschaft, vor allem den von „Onkel Napoleon“, der hinter allem eine Konspiration der Engländer sieht. Diese „Opferrolle“ prägte auch alle „antikolonial“ und „anti-imperialistisch“ geprägten Glaubensaxiome und Werthaltungen der Iraner in verschiedenen ideologischen Formen, die ihre Entscheidung über die nachrevolutionäre Herrschaftsform determinierte. Sie waren daher eher geneigt, sich einem „anti-imperialistischen“ Führer zu unterwerfen als der Herrschaft des Rechtes in einem Rechtsstaat.

Rachegefühl verbindet

Gemeinsam ist ihnen allerdings die empfundene „Opferrolle“, weil sie sich alle inner- und zwischenstaatlich ungerecht behandelt und notorisch benachteiligt fühlten. So befriedigten sie nach der Revolution ihre Rachegefühle und bändigten zugleich ihre Ängste vor der möglichen Rückkehr des erfahrenen Unrechts.

Diese selbstwertrelevante politische Handlungsorientierung beruht aber nicht auf einem Rechtssinn, sondern auf dem Recht des Siegers, der die erlebten Verhältnisse umzukehren anstrebt. Dabei ist die selbstwertrelevante Opferrolle bequem und angenehm, weil die „anderen“ schlichtweg an allem schuld sind; man braucht sich keine Gedanken zu machen über die eigene Rolle als Einzelne und Gruppen und sich schon gar nicht mit Selbstzweifeln zu beschäftigen. Denn die Schuldzuweisungen beziehen die Menschen nie auf sich selbst, sondern immer auf andere Menschen als Einzelne und Gruppen oder auf ungünstige Umstände. Kurzfristig kann daher die empfundene Opferrolle seelische Linderung verschaffen, langfristig ist sie allerdings Gift für Menschen als Einzelne und Gruppen – vor allem, wenn sie ihre innen- und außenpolitische Orientierung bestimmt.

Ein Teil der Linken, besonders die moskautreue Tudeh-Partei, hat Khomeini beim Aufstieg zum absoluten Herrscher geholfen - Foto: Linke Revolutionäre Kurz nach dem Sieg der Revolution von 1979

Ein Teil der Linken, besonders die moskautreue Tudeh-Partei, hat Khomeini beim Aufstieg zum absoluten Herrscher geholfen – Foto: Linke Revolutionäre Kurz nach dem Sieg der Revolution von 1979

 

Doch die selbstwerterhöhenden Schuldweisungen im Alltagsleben und in der Politik haben gewisse unverzichtbare Funktionen: Sie befreien zum einen von jeglicher Selbstverantwortung, blockieren zum anderen jedoch jegliche Selbstveränderung. Man fühlt sich zwar moralisch besser als die anderen, verliert aber nicht die eigenen Minderwertigkeitsgefühle und das fragile Selbstbewusstsein als Voraussetzung der Opferrolle. Iraner, die sich als Opfer empfinden, können damit die eigenen negativen Gefühle auf andere projizieren, um keine Eigenverantwortung übernehmen zu müssen. Sie verpassen aber damit die Chance, Selbstverantwortung und Selbstständigkeit zu erlernen. Deswegen ist jede selbstwerterhöhende innen- und außenpolitische reaktive Handlungsstrategie auf lange Sicht kontraproduktiv, selbst wenn sie eine bequeme und angenehme Lösungsstrategie für bestehende kognitive Dissonanzen ist. Produktiv wäre es in der Tat, vor allem die eigenen Glaubensaxiome und Werthaltungen zu revidieren – anstatt durch einseitige selbstwertdienliche Schuldzuweisungen den eigenen unangenehmen Gefühlszustand – ja gar berechtigte Ängste – vor außenpolitischen Katastrophen überwinden zu wollen. Die Voraussetzung dafür ist ein Rechtssinn, damit man die Welt nicht mehr einäugig sieht. Aber bevor man sieht, schaut man. Deswegen ist eine gerechte und realitätsangemessene (Welt-)Anschauung die unabdingbare Voraussetzung einer pro-aktiven friedensdienlichen außenpolitischen Strategie.♦

  DAWUD GHOLAMASAD

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Zur Person: Dawud Gholamasad, geboren im Iran, ist emiritierter Professor für das Fach Soziologie unter besonderer Berücksichtigung von politischer Soziologie, Entwicklungssoziologie und internationaler Beziehungen. Thema seiner Habilitationsschrift: Zum Entstehungszusammenhang der „Islamischen Revolution“ im Iran. Neben seiner Tätigkeit an der Universität Hannover hatte er mehrmals Gastdozentur an der Universität Oxford.

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