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Die iranische Opposition Zwischen Opferrolle und Selbstverantwortung

Die iranische Opposition könnte emanzipativ wirken. Doch es kommt immer wieder vor, dass Teile der Opposition ungewollt ideologische und politische Hilfestellung für das Regime in Teheran bieten. Dieser Effekt ist in letzter Zeit besonders bei manchen Anti-Kriegsaufrufen zu beobachten. Eine Analyse von Dawud Gholamasad. mehr »

Was sie allerdings fürchten, ist eine erneute „Verwestlichung“ des Alltagslebens des Iran, die einer Öffnung folgen könnte. Dass die Verteufelung der USA eine Rationalisierung der eigenen Ängste der zutiefst unsicheren Islamisten reflektiert, verdeutlicht ein Vergleich mit Vietnam. Wenn die erlittenen Leiden ein Grund ewiger zwischenstaatlicher Feindseligkeit sein sollten, dürften die Vietnamesen mit ihren unvorstellbaren Kriegsleiden nie eine Normalisierung der Beziehungen zu ihrem Erzfeind USA anstreben wollen. Sie denken aber im Unterschied zu iranischen Islamisten nationalstaatlich. Deswegen suchen sie nach ihrer nationalen Befreiung eine Kooperation mit dem einstigen Erzfeind, von der sie eine Förderung ihres Gemeinwohls erwarten.

Für die iranischen Islamisten ist aber nicht das Gemeinwohl der Iraner die Priorität ihrer Handlungsstrategie, sondern die Expansion des islamischen Territorialstaates, für die der Iran nur ein Sprungbrett ist. Deswegen betrachten sie alle extraterritorialen Gebiete als „Feindesland“, zu dessen Unterwerfung sie sich religiös verpflichtet fühlen.

Zur Selbstwertrelevanz politischer Schuldzuweisungen

Man könnte sich zu entlasten versuchen und einwenden, dass der iranischen Opposition angesichts der bestehenden Herrschaftsverhältnisse unüberwindbare Grenzen gesetzt sind, dass nicht nur innenpolitische, sondern auch außenpolitische Entscheidungen im Iran nicht einmal im Kompetenzbereich des Präsidenten oder des Außenministers liegen. Der einzige, der darüber zu entscheiden habe, sei der „Revolutionsführer“ mit uneingeschränkter Richtlinienkompetenz.

Ayatollah Khomeini (mi.): Wir werden die Feinde des Islams bis zu ihrer Vernichtung nicht in Ruhe lassen!

Republikgründer Ayatollah Khomeini (mi.): Wir werden die Feinde des Islams bis zu ihrer Vernichtung nicht in Ruhe lassen!

 

In der Tat ist der „Führer“ die einzige Entscheidungsinstanz, deren Vollzugsorgane der Präsident und alle andere Funktionsträger wie der Außenminister sind. Und es ist für ihn anscheinend eine unverhandelbare Pflicht und „Ehrensache“, das Reich Gottes zu expandieren, „bis der Aufruhr behoben ist“ (ta raf-e fitna تا رفع فتنه), der der „Auferstehung“ vorausgeht. So bezog sich auch Ayatollah Khomeini bei der Rechtfertigung der Fortsetzung des Iran-Irak-Krieges (1980 – 1988) „bis zum Sieg“ auf eine diesbezüglich überlieferte Position des Propheten Mohammed. Wobei ihm der Sieg über Saddam Hussein nur einen Etappensieg bedeutete, solange die „Anarchie“ im Sinne der Missachtung der Gesetze Gottes besteht. So hat er auch die Notwendigkeit des „Islamischen Staates“ mit dem religiösen Gebot der Wiedereinführung der ewig geltenden „Gesetze Gottes“ begründet, wozu auch Kriege notwendig seien. Denn „nach dem Koran sind die Gesetze des Islam nicht an Zeit und Raum gebunden. Sie sind ewig gültig, und ihre Anwendung ist immer Pflicht.“

Etablierung der göttlichen Herrschaft in der Welt

Mit diesem Wesensmerkmal der „Islamischen Republik“ als „Mutterland der Gläubigen“ (Ommol-Ghora) und als Ausgangspunkt der religiös gebotenen weltweiten Etablierung der göttlichen Herrschaft entstehen unüberwindbare Zielkonflikte nicht nur im Nahen und Mittleren Osten, sondern auch zwischen hegemonialen Ansprüche der klerikalen Herrschaft im Iran und dem absoluten Hegemonialanspruch der USA, die zur Verteidigung ihrer Interessen und der ihrer Verbündeten – Israel, Saudi-Arabien u.a. – gegenwärtig eine unverantwortlich gefährliche militärische Drohkulisse aufbauen.

Damit handeln beide Seiten völkerrechtswidrig, was verurteilt und möglichst unterbunden werden sollte. Von daher ist eine einseitige Verurteilung der USA nicht nur scheinheilig; sie ist auch kontraproduktiv, weil sie einem tief verwurzelten Aspekt des sozialen Habitus vor allem der islamisch geprägten Iraner Vorschub leistet: ihrer „Opfermentalität“, die sich durch die als ungerecht empfundene Unterwerfung der Schiiten unter dominant gewordene Sunniten bei der Auseinandersetzung um die Nachfolgerschaft Mohammeds und später durch die semikolonialen Erfahrungen tief im Seelenhaushalt der Iraner eingeprägt hat. Zumal die „Opfermentalität“ der Schiiten durch die meisterhaft perfektionierten Liturgien und ritualisierten Trauerfeiern um das Martyrium Husseins – dem 3. schiitischen Imam und Sohn Alis, als dessen Parteigänger sich die Schiiten begreifen – tief in ihrem sozialen Habitus verankert ist. Damit ist die Schuldzuweisung ein unverzichtbarer Bestandteil der iranischen Glaubensaxiome und Werthaltungen: Die Anderen sind an allem schuld.

„Mein Onkel Napoleon“
Fortsetzung auf Seite 3


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