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Fliegende Gefängnisgedichte

Mahvash Sabet verbrachte zehn Jahre in iranischen Gefängnissen, da sie der Glaubensgemeinschaft der Baha'i* angehört. Im September wurde sie freigelassen. Ihre Erlebnisse während der Haft schrieb sie in Versen auf und ließ sie aus dem Gefängnis herausschmuggeln. Über ihre Gedichte und darüber, was sie in zehn Jahren Haft ertragen hat, sprach die Dichterin mit der persischsprachigen Redaktion der Deutschen Welle. Iran Journal dokumentiert Auszüge des Interviews. mehr »

Vor der Revolution unterrichtete ich an einer Schule und habe noch Erziehungswissenschaften studiert. Ich liebte meine Arbeit und konnte mich schnell zur Schulleiterin hocharbeiten. Nach der Revolution und im Zuge der sogenannten Kulturrevolution [der Islamisierung der Bildungseinrichtungen und Universitäten] wurde ich entlassen. Ich wollte mit meiner kulturell-pädagogischen Tätigkeit in der Baha’i-Community weiter machen. Denn damals hatten die Baha’i-Kinder viele Probleme. Sie wurden von den Schulen ausgeschlossen. Wir mussten die Kinder zuhause unterrichten. Yaran (das Führungsgremium der Bahai im Iran – d. Red.) hat damals entschieden, zwei Unterrichtsrichtungen einzuschlagen: eine rein wissenschaftliche und eine religiöse.

Der irische Schriftsteller Michael Longley beschreibt Ihre Gedichte als „epische Gedichte, die fliegen wollen“. Wie finden Sie diese Beschreibung?

Ich finde, meine Gedichte sind Liebesgedichte. Obwohl ich sie im Gefängnis, während einer harten Zeit, als ich eingeschränkt und eingesperrt war, verfasst habe, geht es dabei um Liebe. Die Liebe, die ich versucht habe in meinem Herzen wachsen zu lassen für die Menschen aus aller Welt, für meine Umgebung und für diejenigen, die mir gegenüber vielleicht nicht viel Herz gezeigt haben. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich jemals über Hass, über das nachtragend Sein, Feindseligkeit oder solche Sachen gedichtet habe. Ich wollte immer, dass meine Erinnerungen für immer bestehen bleiben. Meine Erinnerungen aus der Haft, als eine Frau. Vielleicht wollen viele wissen, wie eine Frau im einundzwanzigsten Jahrhundert in einer Ecke der Welt zehn Jahre im Gefängnis gelebt hat? An was sie jeden Tag gedacht hat, wie sie mit ihren Problemen klar gekommen ist, worüber sie sich gefreut hat?

Ich habe über solche Sachen geschrieben und die Gedichte nach draußen verschickt. Ich habe nichts für mich behalten. Ich muss Ihnen sagen, ich habe sie alle noch nicht gelesen. Selbst das erste Buch, das veröffentlicht worden ist, habe ich nicht ganz durchgelesen. Ich schätze Michael Longleys Urteil sehr.

Mahvash Sabet unter ihren Schülerinnen und Schülern vor der Revolution von 1979

Mahvash Sabet unter ihren Schülerinnen und Schülern vor der Revolution von 1979

 

Ich wünsche mir mehr Kritik zu meinen Gedichten. Ich habe über die Liebe geschrieben, über Schmerz, über Leid, über meinen inneren Kampf. Ich habe trotzdem nie an Waffen oder an einen Umsturz gedacht. Ich habe nie daran gedacht, jemanden aus seiner Bahn zu werfen. Ich habe ständig versucht, mich mit meiner spirituellen und geistlichen Kraft zu stärken. Wenn dies die Eigenschaften einer epischen Dichtung sind, dann ist meine Dichtung eben episch.

Dass meine Gedichte fliegen wollen, finde ich ganz normal. Wenn man jahrelang hinter Gittern sitzt, sehnt man sich nach Flug, danach, die Fesseln hinter sich zu lassen. Ich hatte die Sehnsucht, diese engen Grenzen zu verlassen und die falschen Gedanken, den Pessimismus und die Missverständnisse hinter mir zu lassen, damit die Menschen sehen und glauben, dass ich nichts verbrochen habe und nur ein Mensch bin wie sie und mir aufgrund meiner ehrenhaftesten Taten die schlimmsten Vorwürfe gemacht wurden.

Wie ist Ihr Leben in den Monaten seit Ihrer Freilassung verlaufen?

Es fällt mir schwer, mich hier draußen anzupassen, während ich emotional immer noch sehr stark an meinen Freundinnen im Gefängnis hänge. Ich habe mich an ein langsames Vergehen der Zeit gewöhnt. Die Zeit hier draußen jedoch vergeht sehr schnell. Ich habe den Eindruck, dass ich kaum etwas leiste. Es ist schwer für mich. Ich bleibe die meiste Zeit zuhause.

Ich bekomme abends Besuch. Ich empfange die Menschen gerne und freue mich darauf. Ich muss Ihnen etwas gestehen: Meine besten Zeiten sind im Moment die Zeiten, in denen ich Besuch habe. Für meine Besucher ist es schön zu sehen, dass jemand entlassen worden ist und es ihm gut geht. Sonst fühle ich mich fremd, auch in meinem eigenen Zuhause, obwohl es mir mittlerweile viel besser geht.

Direkt nach der Entlassung kannte ich die Geldscheine nicht mehr, geschweige denn die Straßen. Auch viele Besucher, die Kinder, die groß geworden sind, oder die Neugeborenen, kannte ich nicht. Es sind inzwischen viele verstorben. Ich lebe wie in einer fremden Welt. Neulich habe ich vom Tod einer meiner Mithäftlinge erfahren, die mit 30 Jahren an einem Asthmaanfall gestorben ist. Ich konnte mich vom Schmerz ihres Todes einfach nicht losreißen. Ich muss ständig an sie denken. Wir redeten stundenlang miteinander. Ich habe einen neuen Schlafplatz. Eine Matratze ist Luxus für mich (sie lacht).

Kommen die alten Nachbarn, Freunde und Kollegen zu Besuch? Genießen Sie den sozialen Kontakt?

Auf jeden Fall. Ich kann es kaum glauben. Soviel Zuneigung ist unglaublich. Das freut mich sehr.♦

Interview: Keyvandokht Ghahari

Quelle: DW/Farsi

*Über 300.000 Baha’i leben im Iran. Sie bilden die größte religiöse Minderheit des Landes und werden vom Staat wegen ihres Glaubens verfolgt. Neben dem Studium werden Bahai seit Jahren auch von staatlichen Berufen ausgeschlossen. Im Mai 2008 wurden sieben iranische Baha‘i-Führungsmitglieder verhaftet und wegen „Aktivitäten gegen die nationale Sicherheit“ zu 20 Jahren Haft verurteilt. Am 18. September wurde Mahvash Sabeti nach zehn Jahren  freigelassen. Zuvor war Fariba Kamalabadi (links auf dem Foto oben) aus der Haft entlassen worden.

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