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„Historische Möglichkeit“ für den Westen

Über Jahrzehnte war das Image des Westens bei der iranischen Bevölkerung großteils negativ. Die Präsidentschaftswahlen von 2009 haben die Stimmung gewandelt: Nun sehen viele Iraner Russland und China als Hauptgegner. mehr »

Die Kommentare in den Internetforen sind an Deutlichkeit kaum zu überbieten: „Wir sollten chinesische Produkte boykottieren!“, schreibt einer. „Tod China und Russland!“, polemisiert der Nächste. Ein dritter vermerkt: „Die beiden Länder unterstützen seit Jahrzehnten Rückständigkeit, Diktatur und Mord.“ So und ähnlich brachten Dutzende Iraner in Internet-Foren ihre Wut zum Ausdruck, nachdem China und Russland im UN-Sicherheitsrat die Publizierung eines Berichts gegen Iran wegen Verstöße gegen UNO-Sanktionen verhindert hatten. Oppositionsanhänger wandelten schon bei einer Demonstration im Sommer 2009 die alten Parolen des Regimes „Tod Israel“ und „Tod Amerika“ in „Tod Russland“ und „Tod China“ um, um ihren Unmut über die engsten Verbündeten der Islamischen Republik zu zeigen.

Ahmadynedschads Freunde

Diese Stimmung hat ihren Ursprung in den umstrittenen Präsidentschaftswahlen von 2009. Als Tausende Anhänger der Opposition in verschiedenen iranischen Städten die Wiederwahl von Mahmoud Ahmadinedschad in Frage stellten, gratulierten Russland und China dem Präsidenten zu seinem vermeintlichen Wahlsieg. China soll das iranische Regime sogar mit Ausrüstung wie Wasserwerfern beliefert haben.

Präsidenten Irans und Chinas Ahmadynedschad und Hu Jintao

Präsidenten Irans und Chinas Ahmadynedschad und Hu Jintao

„Es scheint, als ob sich das historisch bedingte anti-westliche Ressentiment inzwischen in ein anti-östliches verwandelt hat“, sagt ein iranischer Politikwissenschaftler, der anonym bleiben möchte. Die imperialistischen Aktivitäten westlicher Länder im Iran, der angeblich von CIA und dem britischen MI6 initiierte Putsch gegen die demokratische Regierung von Premierminister Mohammad Mosaddegh 1953 und die Unterstützung des irakischen Diktators Saddam Hussein im Krieg gegen den Iran (1980-1988) haben Jahrzehnte lang das Geschichtsbewusstsein der Iraner bestimmt.

Seit 2009 sieht die Welt anders aus: Europa und die USA haben 2009 Sympathie mit den Protestierenden im Iran gezeigt und die iranische Regierung stark kritisiert, während sich Russland und China an die Seite Ahmadinejads gestellt haben – so sehen es zumindest die Anhänger der Opposition in Iran.

Es sind aber auch andere Gründe, warum anti-westliche Polemik inzwischen wenig Anklang findet, glaubt der iranische Politikwissenschaftler. 32 Jahre lang hätten die Mullahs den Westen beschimpft, jeden Tag hätten sie die Menschen aufgerufen, Tod diesem und jenem westlichen Land auszurufen, weil sie angeblich Massenmörder seien. „Spätestens als sie beim helllichten Tag eigene Bürger wegen Protest gegen die Wahl niederschossen, wurde ihre Propaganda wirkungslos.“

Auto statt Esel

Der iranische Analyst meint, dies sei eine historische Möglichkeit für den Westen, um ein neues Kapitel im Verhältnis zur iranischen Bevölkerung aufzuschlagen. Dabei solle man allerdings sehr vorsichtig sein, warnt der Experte. „Die Iraner sind sehr empfindlich, daher sollen die westlichen Politiker in ihrer Rhetorik sehr vorsichtig sein.“ Als Beispiel nennt er die Reaktion des Westens auf das iranische Atomprogramm. „Sie sagen: Iran habe riesige Gas und Öl-Ressourcen und brauche daher keine Atomenergie. Dieses Argument ist sehr merkwürdig. Als ob man jemandem sagt: Du hast einen Esel und brauchst deshalb kein Auto.“ Lieber sollten die westlichen Politiker den Iranern erklären: ihre Regierung renne sie schon mit einem Esel über den Haufen: „Stellt euch vor, sie wird nun ein Auto haben.“

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