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Deutsch-iranische BeziehungenWie die Deutschen in den Iran kamen

Das deutsche Kaiserreich habe im Ersten Weltkrieg versucht, Muslime zum Heiligen Krieg gegen Russland, Frankreich und Großbritannien aufzuhetzen. So lautet ein gängiges Klischee, das auch die dauerhafte Beziehung der Deutschen zum Iran erklären soll. Das mag in einigen arabischen Ländern so gewesen sein. In den Iran kamen die Deutschen aber mit anderen Ideen. Ein Blick in die hundertjährige Geschichte der deutsch-iranischen Beziehungen. mehr »

Der einstige Kaveh-Chefredakteur wurde zum wichtigsten Berater Reza Khans, des späteren Königs. Auch die anderen Redaktionsmitglieder unterstützten den neuen Herrscher, dessen Vorbild Kemal Atatürk gerade dabei war, das Nachbarland Türkei von Grund auf umzugestalten.

Auch Reza Schah trieb die Modernisierung des Iran energisch voran. Er schränkte die Macht der Geistlichkeit ein und versuchte, außenpolitisch neutral zu bleiben. Die Historiker stimmen darin überein, dass Reza Schah mit seinen Reformen das Projekt des „nation building“ im modernen Iran vollendete. Man sagt ihm eine gewisse Germanophilie nach, doch es ist zweifelhaft, ob er diesen Begriff überhaupt kannte. Reza Schah war Analphabet und lernte erst im Erwachsenenalter Lesen und Schreiben.

Die Blütezeit der Deutschen

Unbestreitbar jedoch standen die Deutschen während seiner Regentschaft bei allen Projekten, mit denen Reza Schah das Land umgestalten wollte, an erster Stelle. Bei der Gründung der Universität, dem Umbau der Verwaltung, dem Straßenbau oder dem Gesundheitswesen: Überall bevorzugte Reza Schah die Deutschen. Legendär ist das Projekt der transiranischen Eisenbahn, die zwischen 1927 und 1938 gebaut wurde und Teheran mit dem Persischen Golf im Süden und dem Kaspischen Meer im Norden verband. Für den Bau dieser langen Bahnstrecke gründeten deutsche Firmen eigens ein Konsortium, in dem fast die gesamte deutsche Industrie vertreten war: von Julius Berger über Philipp Holzmann und Siemens bis hin – natürlich – zu deutschen Banken.

Er wollte eine Republik und wurde König

Reza Schah war Patriot. Wie Atatürk aus der Türkei wollte er aus dem Iran eine Republik machen, doch die Ayatollahs waren vehement dagegen. Sie fürchteten um ihre Macht und glaubten, eine Republik führe zwangsläufig zum Säkularismus. Der König ist der Schatten Gottes“, lautet eine ihrer religiösen Überlieferungen. Doch auch als König setzte Reza Schah sein Projekt des Säkularismus durch, etwa das Schleierverbot für Frauen, die Einführung des Wehrdienstes für alle Iraner – einschließlich der Mullahs -, und eine weltliche Gerichtsbarkeit. Ironie der Geschichte: „Republik“ lautete die Hauptparole von Ayatollah Ruhollah Khomeini, mit der er 1979 der Monarchie im Iran ein Ende setzte.

Außenpolitisch versuchte Reza Schah zwischen den Großmächten zu manövrieren. Doch diese Neutralität sollte ihm zum Verhängnis werden. Er wollte auch im Zweiten Weltkrieg neutral bleiben. Vergeblich. Im März 1941 marschierten britische und sowjetische Truppen im Iran ein, teilten das Land wieder einmal unter sich auf und setzten dem Schah am 17. September 1941 das Ultimatum, bis 12 Uhr mittags das Land zu verlassen. Was er auch tat und seine letzte Reise ins südafrikanische Exil antrat.

Die Zeit Reza Schahs war die Epoche der deutschen Präsenz im Iran. Die Weimarer Republik ebenso wie die Nazis und später die Bundesrepublik setzten fort, was Waßmuß im Süden des Iran vorhatte und die iranischen Exil-Intellektuellen in der Berliner Kaveh-Redaktion wollten.

Für den Bau der  transiranischen Eisenbahn gründeten deutsche Firmen eigens ein Konsortium

Für den Bau der transiranischen Eisenbahn gründeten deutsche Firmen eigens ein Konsortium

 

Mehr als Autos und Eisenbahnen

Im Gegensatz zu anderen Großmächten trafen die Deutschen also nicht mit Armeeverbänden im Iran ein. Dennoch brachten sie mehr mit als andere – im Guten wie im Schlechten: nicht nur Eisenbahnen und Autos, sondern auch den faschistischen Bazillus, kommunistische Ideen und sogar die Freimaurerei.

Auch diese Seite der iranisch-deutschen Beziehung ist bis in unsere Tage auf deutschen Straßen zu greifen: etwa am 2. Juni 1967, als iranische und deutsche Linke in Berlin gemeinsam gegen Schah Mohammed Reza Pahlevi, Sohn des einst ins Exil getriebenen Schahs, protestierten. Der deutsche Student Benno Ohnesorg wurde erschossen und die 68er Bewegung nahm eine neue Wende. Was links ist, was Karl Marx sagte und warum man für den Kommunismus kämpfen solle, haben die Iraner aus Deutschland importiert.

Taghi Arani, Urvater des iranischen Kommunismus und Gründer der kommunistischen Tudeh-Partei, war ein in Berlin studierter Chemiker. Als er seinen Berliner Professoren 1928 seine Doktorarbeit über Pyrophosphorsäure vorlegte, hatte Arani in der Weimarer Republik noch mehr gelernt. Er war es, der nach seiner Rückkehr in den Iran marxistische Bücher ins Persische übersetzte und eine Kaderpartei nach deutschem Vorbild ins Leben rief. Auch die Mehrheit des Zentralkomitees dieser Partei hatte deutsche Hochschulen besucht. Und als die Partei im Iran verboten wurde, flüchtete die Parteiführung – ins deutsche Leipzig.

Die makabre Seite der Liebe

Und die Beziehung hat auch eine makabre, gar mörderische Seite. David Ali S., jener Deutsch-Iraner und überzeugte Rechtsextremist, der am 22. Juli 2016 in München neun Menschen erschoss, verkörpert diese gespenstische Interpretation der Beziehung, die manche Deutsche und Iraner verbindet. S. hielt sich für einen Arier und fühlte sich gemobbt, wenn seine Umgebung ihn nicht so sehen wollte – man könnte mit dem deutschen Dichter Bert Brecht auch sagen: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Denn die Nazis waren im Iran propagandistisch nicht nur sehr aktiv, sondern zum Teil auch sehr erfolgreich. Bis vor kurzem hing über dem Portal des Teheraner Hauptbahnhofs noch ein Hakenkreuz, und ein bekannter Stadtteil der iranischen Hauptstadt trägt den Namen „Nazi-Abad“ – will heißen: von den Nazis urbanisiert. In den dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es bekannte und einflussreiche Iraner, die sowohl in Deutschland wie auch im Iran für die NSDAP tätig waren. Die Mehrzahl von ihnen waren keine bezahlten Agenten, sondern Überzeugungstäter, die nach dem Zweiten Weltkrieg, übrigens ähnlich wie in Deutschland, auch im Iran Karriere machten. Sie waren und sind immer noch der Meinung, der Iran sei das Ursprungsland der Arier. Der gestürzte Schah nannte sich offiziell „آریا مهر„, „die Sonne der Arier“.

Zu den eher bizarren Aspekten der deutsch-iranischen Beziehung gehört wahrscheinlich die Freimaurerei, die heute manche Exiliraner von Los Angeles bis Paris zusammenbringt. Auch sie verdanken die Iraner den Absolventen deutscher Hochschulen. Es war Jafar Sharif-Emami, der in Deutschland Eisenbahntechnik studierte und später iranischer Minister- und Senatspräsident wurde, der diese neue Idee in den Iran brachte. Der einflussreiche Politiker gründete 1969 in Teheran eine Großloge, der 43 Logen unterstanden und die bis zum Sturz der Monarchie sehr aktiv war.

Und die Liebe

Last but not least ist es tatsächlich die Liebe: sind es mit Sicherheit jene Tausenden binationalen Ehen, die zwischen Deutschen und Iranern in den letzten hundert Jahren geschlossen wurden, die die Beziehung zwischen den beiden Ländern lebendig halten.

  ALI SADRZADEH

* DIE ZEIT, FAZ , TAGESSPIEGEL, Heise, Matthias Küntzel


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