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Atomgespräche mit dem Iran – Reaktionen der virtuellen Welt

Die internationale Gemeinschaft bezeichnete die Atomverhandlungen mit dem Iran in Istanbul als positiv. Kontrovers waren allerdings die Reaktionen im Iran. Während die der Regierung nahe stehende Presse die Gespräche als einen Sieg für den Iran feierte, kommentierten iranische Internetuser sie als klares Abweichen des Regimes von seiner bisherigen politischen Linie. mehr »

Die islamische Republik werde in vollen Zügen „den vergifteten Trunk“ trinken und sich Schritt für Schritt in die vom Westen vorbereitete Falle begeben. So die Meinung des iranischen Bloggers „Molla Hassani“, der sich mit dem „vergifteten Trunk“ auf ein berüchtigtes Zitat des iranischen Revolutionsführers Ayatollah Ruhollah Khomeini bezieht. Als der sich am Ende des ersten Golfkriegs im Juli 1988 zu einem Waffenstillstand bereit erklärt hatte, hatte er gesagt: „Diese Entscheidung kam mir so bitter vor wie der Geschmack eines vergifteten Trunks.“ Zuvor hatte Khomeini immer wieder betont, die islamische Revolution ausweiten zu wollen und den Krieg so lange zu führen, bis die irakische Hauptstadt Baghdad erobert sei.
„Man sieht die deutliche Einschränkung des Irans und die zunehmende Kontrolle der internationalen Gemeinschaft. Der Iran wird in jedem Fall am Bau einer Atombombe gehindert werden. Zwar ist der Iran für seine Tricks bekannt und könnte am Ende das Spiel noch wenden. Aber wie es ausschaut, handeln die westlichen Länder klüger. Der Iran befindet sich sozusagen in einer Einbahnstraße, wo es kein Umkehren gibt“, schreibt „Molla Hassani“.
Noch ein anderer Blogger, „Siyasi Honari“, bezieht sich auf das bekannte Zitat Khomeinis: „Der vergiftete Trunk mit dem Atombeigeschmack kann nun getrunken werden. Die Verhandlungen haben wieder einmal bewiesen, dass die Frage der Menschenrechtsverletzungen im Iran für den Westen nicht relevant ist. Auf der anderen Seite zeigten sie aber auch, dass das Mullah-Regime sich durch den massiven Druck der Sanktionen doch von seiner harten Linien abbringen lässt.“ Dennoch steht „Siyasi Honari“ der Beständigkeit des Verhandlungsergebnisses skeptisch gegenüber: „Wenn der iranische Religionsführer Ali Khamenei sich im letzten Moment doch anderes entscheidet, wird er den Becher mit dem giftigen Trunk einfach abstellen und seine Urananreicherung weiterführen.“
Arash Sigarchi, ein weiterer iranische Blogger, meint, die iranische Regierung habe bei den Verhandlungen Schwäche

Catherin Eshton und Saeed Jalili - Foto: tabnak.ir

Catherin Eshton und Saeed Jalili - Foto: tabnak.ir

gezeigt: „Die iranische Regierung fühlt sich durch das Öl-Embargo bedroht.“ Siagrchi bezieht sich dabei auf das Ölembargo, das die Europäische Union gegen den Iran verhängt hat und das ab diesem Sommer in Kraft treten soll. Zudem meint der Blogger, die Machthaber befürchteten einen israelischen Militärangriff, da für die Israelis mit jedem Tag die Gefahr durch den Bau einer Atombombe im Iran ernster werde. Siagarchi schreibt: „Letztens Endes wird sich der Iran dem internationalen Druck beugen und dabei gleichzeitig versuchen, sein Gesicht vor dem eigenen Volk nicht zu verlieren. Das hat man auch bei den Verhandlungen in Istanbul deutlich gemerkt. Als die Gespräche gerade erst angefangen hatten, titelte die iranische Tageszeitung Iran schon: ‚Der Iran kehrt mit vollen Händen zurück‘.“

Bagdad statt Istanbul

Die nächsten Verhandlungen sollen am 23. Mai in Bagdad stattfinden. Die irakische Hauptstadt stand bereits diesmal als Gesprächsort zur Diskussion. Denn kurz vor Beginn der neuen Gesprächsrunde am 14. April waren sich die Parteien über den Verhandlungsort noch nicht einig. Während die US-Außenministerin Hillary Clinton Istanbul für das Treffen vorgeschlagen hatte, befürwortete der Iran die irakische Hauptstadt.

Die regimegetreue Webseite „Basij Mostazafan“ schrieb dazu: „Bei der letzten Verhandlungsrunde hat die Türkei nicht im Interesse des Irans gehandelt. Im Gegenteil: Sie wurde sozusagen zum siebten Partner der Gruppe 5 + 1, bestehend aus den fünf ständigen Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats und Deutschland. Für den Iran spielen auch die Entscheidungen der Türkei hinsichtlich Syriens eine große Rolle. Genauso aber auch die Haltung der Türkei gegenüpber dem ‚islamischen Erwachen‘ in der Region.“ Die Machthaber Irans bezeichnen den „arabischen Frühling“ als „islamisches Erwachen“.  „Basij Mostazafan“ lobt das Verhalten der irakischen Seite: „Der irakische Ministerpräsident Nouri al-Maleki schaffte es durch seine beharrliche Politik in der Frage des Truppenabzugs der US-Amerikaner, Irans Vertrauen zu gewinnen. Auch deshalb schlagen wir Bagdad als den nächsten Verhandlungsort vor.“

So kam es auch, dass sich viele Internetuser diesbezüglich zu Wort meldeten. Einige sahen es als eine „Niederlage“ Irans, wieder andere sahen darin ein Zeichen des guten Willens Irans. Für viele User der konservativen Webseite „Tabnak“ war die Türkei als Verhandlungsort „enttäuschend“ und „beschämend“: „Kann man unsere Diplomatie noch als stark bezeichnen? Erst lassen wir uns von den Türken beleidigen und dann machen wir auch noch das, was Hillary Clinton vorschlägt.“ Ein anderer schreibt: „Wir sind nur gut, wenn es um leere Drohungen geht. Sonst beugen wir uns eher, als dass wir standhaft eine Position vertreten.“

Satirische Kommentare

Karikatur von Toufigh Aghili - www.negahtofigh.blogspot.de

Karikatur von Toufigh Aghili - www.negahtofigh.blogspot.de

Einige iranische Internetaktivisten wie der Karikaturist Tofigh Aghili gehen mit dem Thema ironisch um. Aghili nennt seine Karikatur „Jalilis neue Erfindung“. Dabei nimmt der Künstler auf ein Statement des iranischen Atomunterhändlers Saeed Jalili Bezug, der kurz vor seiner Abreise nach Istanbul behauptet hatte, Iran würde seinen Gesprächspartnern dort „neue Ideen“ unterbreiten.
Andere Blogseiten wie „Matalebe Jaleb“ beschäftigen sich mit dem Dekolleté der EU-Außenbeauftragten Catherin Ashton. „Matalebe Jaleb“ schreibt: „Diesmal hat Ashton den iranischen Photoshop-Experten die Fotonachbearbeitung erspart.“ Dazu postet die Seite Originale und manipulierte Bilder vom letzten Verhandlungstreffen. Damals hatten mehrere iranische Zeitungen Ashtons Ausschnitt per Photoshop manipuliert, um ihn den „islamischen Vorschriften“ anzupassen. Diesmal hatte Cathrin Ashton bei ihrem Treffen mit Saeed Jalili einen weißen Schal um ihren Hals gebunden.

fp

Aus dem Persischen: Forough Hossein Pour