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40 Jahre iranische Revolution40 Jahre Flucht und Vertreibung

Nach der Islamischen Revolution im Iran kamen tausende Regime-Gegner nach Deutschland. Doch die Zeit der großen Fluchtwelle ist vorbei.  mehr »

Für Nirumand ist der Hauptgrund für die Zerstrittenheit der Exil-Iraner die Enttäuschung über die gescheiterte Revolution, die bis heute nicht verwunden, geschweige aufgearbeitet sei. „Es gibt viele Schuldzuweisungen, viel Unausgesprochenes. So ist eine Zersplitterung eingetreten. Viele mussten unverrichteter Dinge fliehen. Die Enttäuschung und die Exil-Situation haben zu Neid und Rivalitäten geführt“, analysiert er.
So sind die Gegner des Regimes – in Berlin wie anderswo – in „Hunderte Gruppen“, so Nirumand, gespalten: in Monarchisten, die den Schah beziehungsweise seinen Sohn wiederhaben wollen, Kommunisten, Sozialisten, Liberale, Reformer… Nicht zu vergessen die für Außenstehende besonders dubios wirkenden Volksmudschahedin, die den politischen Islam mit Sozialismus verbinden wollen.
Immerhin, sagt Bassiri, scheinen jüngere Iraner anders zu sein – weniger ideologisch, unverkrampfter, durch soziale Medien und gute Englischkenntnisse international vernetzt. „Sie sind auch optimistischer, lebensfroh, das teile ich mit ihnen“, sagt sie. Andere wie Nowzari finden dagegen einen Großteil der jungen Generation zu unpolitisch, zu pragmatisch, auf Karriere bedacht.

Jüngere Iraner sind „ideologisch offener“

Der 29-jährige Omid Rezaee glaubt, dass an beiden Positionen etwas dran ist. Rezaee, der in Berlin als freier Journalist arbeitet, wurde 2009 als in der „Grünen Bewegung“ aktiver Student in der Stadt Rasht verhaftet. 2011 wurde er zu zwei Jahren Haft verurteilt, konnte aber in den Nordirak fliehen.

Junge Frauen, die sich nicht an den Dresscode der Regierung halten, sind der staatlichen Gewalt ausgesetzt

Junge Frauen, die sich nicht an den Dresscode der Regierung halten, sind der staatlichen Gewalt ausgesetzt

 

Mit einem Programm der Bundesregierung, die laut Rezaee rund 300 Aktivisten der Grünen Bewegung gezielt aus dem Irak und der Türkei nach Deutschland holte, kam er 2014 nach Berlin. Schon bevor er hier war, erzählt er beim Treffen im taz-Café, kannte er in der Stadt „mindestens 50 politische Freunde durch Facebook“. Einer von ihnen: Hamid Nowzari,
der ihm half hierherzukommen.

„Das Netzwerk hat mir den Anfang hier viel leichter gemacht. Ich konnte bei Freunden übernachten, manche halfen bei der Wohnungs-, andere bei der Jobsuche. Keiner, der aus politischen Gründen nach Berlin kommt, fühlt sich hier allein.“ Bemerkenswert ist die Breite des Spektrums dieses Netzwerkes: „Kommunisten, Rechtsliberale, Linksradikale, Bahais –
alles dabei“, sagt Rezaee. „Man kann die politischen Unterschiede außen vor lassen, weil wir wenige sind und uns helfen müssen.“
Nun hilft auch der Verein Iranischer Flüchtlinge Neuankommenden ohne Ansehen ihrer politischen Richtung, wenn es um Asyl, Jobcenter und andere soziale Fragen geht. Neu ist allerdings, dass Junge wie Rezaee auch Andersdenkende „politische Freunde“ nennen. „Die Alten sind ideologisch härter, wir sind da offener“, glaubt er.

Die neuen Flüchtlinge sind meist „Nichtpolitische“

Und noch eine große Veränderung zu früher gibt es: Die meisten Iraner, die in den letzten drei, vier Jahren nach Berlin kamen, sind, so sagen Nirumand, Nowzari und Rezaee übereinstimmend, „Nichtpolitische“. In Rezaees Worten: „Die meisten kommen heute aus wirtschaftlichen Gründen. Das ist die neue Mittelschicht, die Geld für die Reise hat, deren Kinder im Westen studieren und ein besseres Leben haben sollen.“
Zahlenmäßig viele sind das bis heute nicht: Im Zuge des großen Flüchtlingsjahres 2016 kamen auch 1.250 iranische Asylbewerber nach Berlin. Ein Jahr vorher waren es 600 und ein Jahr später nur noch 450.
Mit diesen Iranern können alte Regimegegner wie Nowzari wenig anfangen: „Sie denken zuerst an ihre Karriere und daran, ob politische Arbeit für sie Nachteile hat. Sie denken, dass sie in wenigen Jahren einen deutschen Pass haben werden und dann schön hin- und herfliegen können zwischen dem Iran und hier.“
Nowzari, Nirumand und Bassari können das bis heute nicht.♦

  SUSANNE MEMARNIA

Quelle: taz

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