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FilmkritikDes ruhigen Gewissens wegen

Der Film "Eine moralische Entscheidung" des preisgekrönten iranischen Regisseurs Vahid Jalilvand kommt am 20. Juni in die deutschen Kinos. Fahimeh Farsaie hat ihn schon gesehen. mehr »

Die Sektion „Orizzonti‟ der Internationalen Filmfestspiele in Venedig hat wieder einen „bodenständigen‟ iranischen Regisseur entdeckt, der mit seinem Film „Eine moralische Entscheidung‟ den herausragenden Status des iranischen Films im Weltkino untermauern soll: Vahid Jalilvand, der Gewinner der Sektion für die Beste Regie 2017. Der Schauspieler Navid Mohammadzadeh (Moosa) hat außerdem den Preis für den Besten Hauptdarsteller erhalten. Nun ist der Film in Deutschland angekommen und wird ab dem 20. Juni in den Kinos gezeigt.

Prediger von Beruf

Vahid Jalilvand ist im Iran ein bekannter Kulturschaffender – besonders für fromme TV-Zuschauer*innen, die in den letzten Jahren seine zahlreichen religiösen Sendungen gesehen haben. Dazu zählt das dreißigteilige Sonderprogramm „Brot und Basilikum‟ vom Kanal 5 des staatlichen Fernsehens. Das Sonderprogramm wurde vor Jahren während des Fastenmonats Ramadan rund um die Stunden des Iftar, des Fastenbrechens, ausgestrahlt. In „Brot und Basilikum‟ wurden islamische Lehre, Tradition und Geschichte über Quizspiele, Kurzfilme und Koranrezitationen vermittelt. So gesehen ist Jalilvand mit moralischen, besonders islamisch-moralischen Fragestellungen bestens vertraut.

 

Plötzlicher Tod?

Der Film mit dem deutschen Titel „Eine moralische Entscheidung‟ heißt im Original „Bedoone Tarikh, Bedoone Emza – Ohne Datum, ohne Unterschrift“. Dieser Titel solle auf die allgemeingültige Botschaft des Filmes hinweisen, erklärte Jalilvand in einem Interview: Das, was Dr. Kaveh Nariman (Amir Agha’ee), einem Teheraner Rechtsmediziner, darin geschehe, könne „überall, jederzeit und jedem‟ passieren.

Dr. Nariman ist der Verursacher eines Verkehrsunfalls. Der Arzt rammt ein Motorrad, das mit allen vier Passagieren stürzt: dem Fahrer Moosa, seiner Frau mit ihrem Säugling im Arm und dem achtjährigen Sohn Amir. Die Familie war nach einem Abendessen auf dem Weg nach Hause. Bei dem Unfall wird scheinbar niemand ernsthaft verletzt: Erstaunlicherweise wird nur Amir, der einigermaßen geschützt zwischen dem Vater und der Mutter sitzt, leicht am Arm versehrt. Dennoch will Moosa die Polizei benachrichtigen, um alles protokollieren zu lassen. Dr. Nariman kontert schlagfertig, bietet ihm reichlich Geld zur Reparatur des nur geliehenen Motorrads an und drängt ihn, Amir ins nahestehende Krankenhaus zu bringen. Moosa fährt freilich direkt nach Hause, nachdem er widerwillig einige Scheine von Nariman angenommen hat. Noch in derselben Nacht stirbt der Junge. Sein Leichnam landet ausgerechnet auf dem Seziertisch Dr. Narimans, der sich unwillkürlich für Amirs Tod verantwortlich fühlt. Trotzdem unternimmt er nichts, um das den Betroffenen und den Behörden zu zeigen – im Gegenteil, er schweigt konsequent, um den Verdacht von sich abzulenken.

Ein ehrenhafter Rechtsmediziner

Über einfühlsame Bilder und taktvolle Kameraführung porträtiert Jalilvand seine Hauptfigur als einen gewissenhaften und rechtschaffenen Rechtsmediziner, der sich für misshandelte Ehefrauen einsetzt, sich neben seinem anstrengenden Job für seine Mitmenschen aufopfert und freiwillig als eine Art Sozialarbeiter fungiert. Er ist ein unbestechlicher, anständiger und ehrenwerter Wissenschaftler.

Jalilvand baut auf diesen Eigenschaften Dr. Narimans auf, um die scheinbar unlösbaren Konflikte der spannenden Story zu intensivieren. Doch als der Arzt aus selbstsüchtigen Gründen unverantwortlich handelt und „unmoralische‟ Entscheidungen trifft, verliert die Geschichte ihre dramaturgische Plausibilität. So informiert er zum Beispiel seine Kollegin und Lebensgefährtin, Dr. Sayeh Behbahani (Hediyeh Tehrani), die den Leichnam obduziert, nicht über den Unfall. Dabei müsste er als versierter Mediziner genau wissen, dass seine Informationen Auswirkungen auf das Ergebnis der Autopsie haben könnten: Da die Ärztin von dem Unfall keine Kenntnis hat, untersucht sie die scheinbar harmlose Schwellung am Hinterkopf der Leiche nicht näher und diagnostiziert mit späterer Bestätigung des Labors eine akute Lebensmittelvergiftung (Botulismus) als Todesursache. Als sich herausstellt, dass Moosa billiges, verdorbenes Hühnerfleisch für seine Familie gekauft und Amir davon gegessen hatte, bleibt kein Zweifel mehr, dass Botulismus und folgerichtig Moosa selbst für den Tod des Jungen verantwortlich ist.

Gekochtes oder rohes Hühnerfleisch?
Fortsetzung auf Seite 2


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