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Deutsch-iranische BeziehungenIranische Literatur in Deutschland

Wie die Hassparolen eines iranischen Präsidenten das iranische Literatur-Angebot in Deutschland verstärkten. Ein Gastbeitrag von Fahimeh Farsaie, Schriftstellerin und Branchenkennerin. mehr »

Diese breite Palette an Themen, Stilen und Kunsttechniken aus dem Iran veränderte die Literaturlandschaft Deutschlands. Selbstverständlich waren auch schon von 1978 bis 2005 Werke bekannter iranischer SchriftstellerInnen in deutschen, schweizerischen und iranischen Verlagen veröffentlicht worden, etwa „Kelidar“ von Mahmud Doulatabadi (1984) sowie „Der leere Platz von Ssolutsch‟ (1996) und „Die Reise‟ (1999); von Scharnusch Parsipur „Tuba‟ (1997); von Sadeq Hedayat „Die blinde Eule‟ und „Hadschi Agha‟ (1997); von Huschang Golschiri „Der Mann mit der roten Krawatte‟ (1998) und „Prinz Ehtedschab‟ (2001); von Fattaneh Haj Seyed Javadi „Der Morgen der Trunkenheit‟ (2000) und der Erzählband „In der Abgeschiedenheit des Schlafs‟ (2004); von Simin Daneschwar „Drama der Trauer‟ (1997) und der Erzählband „Frag doch die Zugvögel‟ (2001) – allerdings mit eher niedrigen Auflagen.

Mit Ausnahme von Javadis Büchern setzten sich diese AutorInnen mit gesellschaftlichen Themen auseinander, die unter dem Schah-Regime relevant waren. Als kritische BeobachterInnen schilderten sie die sozialen Krisen und Widersprüche, für die sie das politische System mit seinen staatlichen Repressalien und dem eisernen Zensor verantwortlich machten. Sie verstanden sich als realistische Deskriptoren einer despotischen Gesellschaft und wollten als inoffizielle Anwälte der Menschen am Rand der Gesellschaft fungieren.

Rasender Anstieg

Buchcover: Keller Vogel von Fariba Vafi

Buchcover: Keller Vogel von Fariba Vafi

Und während Ahmadinedschad die Welt mit seinen hitzigen Reden herausforderte, vervielfältigte sich die Anzahl der in Deutschland veröffentlichten Bücher iranischer AutorInnen. Dabei wurden nicht nur die Werke altbekannter SchriftstellerInnen herausgegeben, sondern auch Neuerscheinungen derjenigen, die ihre Karrieren unter dem Khomeini-Regime begonnen hatten. Die Themen dieser neuen Generation haben zwar einen gesellschaftlichen Touch, spielen sich aber oft im Rahmen familiärer Beziehungen ab. Im Zentrum der Geschichten steht häufig ein Individuum, das sich mit dem Erbe hinfälliger Traditionen jeglicher Couleur auseinandersetzt und sie, statt sich mit ihren Folgen abzufinden, in Frage stellt. So ist es kein Zufall, dass die meisten UrheberInnen solcher Werke Frauen sind, die zwar gegen das Unrecht nicht rebellieren, zu dessen Legitimierung aber auch nicht beitragen wollen wie einige ihrer männlichen Kollegen.

Eine kleine Auswahl solcher Romane: Mahmud Doulatabadis „Die alte Erde‟ (2005), „Der Colonel‟ (2010) und „Nilufar‟ (2016); Shahrnush Parsipurs „Frauen ohne Männer‟ (2012); Zoya Pirzads „Die Lichter lösche ich‟ (2006); Fariba Vafis „Kellervogel‟ (2012) und „Tarlan‟; Mojgan Ataollahis „Ein leichter Tod‟ (2015), Hossein Mortezaeian Abkenars „Skorpion auf den Stufen des Bahnhofs von Andimeschk…‟ (2013); Reza Hajatpours „Der brennende Geschmack der Freiheit: mein Leben als junger Mullah im Iran‟ (2005).

Importierte Literatur

Die zunehmende Anerkennung, die solche Literaturwerke bei einer deutschen Leserschaft fand, war so ermutigend, dass deutsche Verlage begannen, auch Bücher iranischer AutorInnen aus anderen westlichen Ländern (u.a. USA, Frankreich, Niederlande) in ihr Programm aufzunehmen. Hier nur einige Bespiele: Azar Nafissis „Lolita lesen in Teheran‟ (2005), „Die schönen Lügen meiner Mutter‟ (2010); Marjane Satrapis „Persepolis‟ in drei Bänden (2001–2008); Gina Nahais „Regen am Kaspischen Meer‟ (2007); Dina Nayeris „Ein Teelöffel Land und Meer‟ (2013); Kader Abdolahs „Dawuds Traum‟ (2005) und „Das Haus an der Moschee‟ (2007).

Ein Kassenschlager: "Persepolis" von Marjane Satrapi

Ein Kassenschlager: „Persepolis“ von Marjane Satrapi

 

Erfrischende Pause?

Nach der Wahlniederlage Ahmadinedschads im August 2013 bis zur Unterzeichnung der Wiener Nuklearvereinbarung im Juli 2015 gab es zunächst eine Pause im iranischen Literaturbetrieb in Deutschland. Es schien, als ob die Verlagshäuser genauso wie die deutsche Regierung mit der Abwägung der Politik seines Nachfolgers Hassan Rouhani beschäftigt waren: Rouhani hatte unmittelbar nach seinem Wahlsieg vor der UN-Vollversammlung Verhandlungen über das umstrittene Atomprogramm des Iran angeboten. Dabei waren sein Lächeln und sein Achat-Ring für manche Medien interessanter als die zahlreichen Fälle von Menschenrechtsverletzungen in seinem Land.

In dieser Zeitspanne schmückten häufig Schwarz-Weiß-Fotos der iranischen Delegation die ersten Seiten der Zeitungen, auf denen Mohammad Javad Zarif, der iranische Außenminister, im weißen Hemd mit Stehkragen à la Mullah zuerst neben der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton, später Federica Mogherini stand und der Welt versicherte, dass der Iran sein Versprechen bezüglich seines Atomprogramms einhalten und nie eine Atombombe bauen würde.

Der alte Trend

Atomprogramm hin oder her: Was der deutschen Leserschaft seitdem vorenthalten wird, sind die Bücher iranischer AutorInnen, die zuvor mindestens zwei Mal im Jahr auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt präsentiert wurden. Als ob die persische Literatur in Deutschland mit dem Ende der Ahmadinedschad-Ära an Bedeutung verloren hätte: 2014 wurden nur einige Titel publiziert – unter anderem die Novelle „Hab ich mich verirrt?‟ von Sarah Salar (Iran) und „Tausendundein Granatapfelkern‟ von Marjan Kamali (USA).

Und dieser Trend, der dem Kurs Ende der 1970er Jahre ähnelt, setzt sich fort: Auch 2018 sind in Deutschland nur wenige Bücher iranischer AutorInnen erschienen, so eine Übersetzung des Romans von Dina Nayeri (USA) „Drei sind ein Dorf‟ und eine Novelle von Fariba Vafi (Iran) mit dem Titel „Der Traum von Tibet‟. Setzt sich der Trend fort, wird die bunte Literaturlandschaft Deutschlands in Zukunft weiter verblassen.

  FAHIMEH FARSAIE

* Soraya Esfandiary-Bakhtiary (1932- 2001) war von 1951 bis 1958 die Ehefrau des Schahs Mohammad Reza Pahlavi und wurde unter anderem „Die Deutsche auf dem Pfauenthron“ genannt.

** Die Achse des Bösen (Axis of Evil) ist ein am 29. Januar 2002 vom damaligen US-Präsidenten George W. Bush genutzter Begriff, um Länder zu beschreiben, die er beschuldigte, Terroristen zu unterstützen und nach Massenvernichtungswaffen zu streben, wie Nordkorea, den Iran und den Irak.

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