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Die verbotene Universität

Angehörige der Bahai-Religion haben im Iran Hochschulverbot. Seit dreißig Jahren lernen sie im Untergrund. Wie studiert man, wenn Studieren illegal ist? mehr »

Ingo Hofmann konvertierte mit 24 Jahren zur Religion der Bahai. Der emeritierte Physik-Professor sitzt in einem Café in Berlin-Charlottenburg und erzählt von den Schwierigkeiten, die BIHE-Absolventen in Deutschland haben. Als ehrenamtlicher Sprecher der deutschen Bahai-Gemeinde hilft er heute BIHE-Absolventen in Deutschland. „Wenn die sich irgendwo für den Master oder das Doktorat bewerben, kommt fast immer erst einmal eine Ablehnung“, erzählt er. „Meist werden die Zeugnisse erst akzeptiert, wenn jemand von der Bahai-Gemeinde erklärt, warum es diese Universität überhaupt gibt.“ Vereinzelt hätten Unis sich aber auch dann noch quergestellt – mit dem Argument, die Institution sei im Iran nicht anerkannt.

In Großbritannien akzeptieren bereits 22 Unis die Abschlüsse der Bahai-Uni, in den USA sind es 29. In Deutschland studieren BIHE-Absolventen bislang in Bonn, Kaiserslautern, Bayreuth, Passau, Heidelberg, Mannheim und an der TU Darmstadt. Als erste Hochschule akzeptierte die Uni Bonn die BIHE-Abschlüsse – der Dekan der Theologischen Fakultät hatte bereits über die religiöse Minderheit geforscht und setzte sich für deren Zulassung ein.

Auf eine einheitliche Regelung können sich Bahai in Deutschland allerdings nicht verlassen. Die Hochschulrektorenkonferenz kritisierte 2011 zwar die Bildungsdiskriminierung von Bahai in einem offenen Brief. Doch zur Anerkennung der BIHE-Abschlüsse hat sie noch nichts beschlossen. Dahinter steckt kein politisches Kalkül, eher mangelnde Priorisierung, meint Hofmann: „Die Bewerberzahlen sind im Moment noch relativ gering, es gibt nicht genug Handlungsdruck.“ In der Vergangenheit wollten nur wenige BIHE-Absolventen in Deutschland weiterstudieren. „Doch das Interesse an Deutschland steigt, weil jetzt weniger iranische Bahai in die USA gehen können.“

Zumindest bei der ZAB, der Zentralstelle für die Bewertung ausländischer Qualifikationen, ist schon eine Hürde gefallen: Iraner müssen dort die Uni-Zulassungsprüfung Konkur nicht mehr nachweisen.

„Lest Shakespeare!“

Im Wohnzimmer-Klassenraum in Teheran erzählt Englischdozent Ehsan seine Geschichte. „Das BIHE war damals meine Rettung“, sagt er, „aber die ersten Jahre waren hart.“ Er erzählt davon, wie sich das BIHE vom konspirativen Bildungsnetzwerk zur international anerkannten Institution wandelte. 1991, vier Jahre nach Gründung, begann er seinen Englisch-Bachelor dort. Alles sei provisorisch gewesen. „Unseren einzigen Prof haben wir nur einmal pro Semester gesehen. Sonst kam alles per Post.“ Zeitweise schickten sie eigene Boten auf Mopeds durch die ganze Stadt, weil der Geheimdienst ihre Briefe abfing.

Die Studienvorgaben, erinnert sich Ehsan, seien völlig unspezifisch gewesen. „Einmal kam als Hausaufgabe nur: ›Lest Shakespeare!‹“ Wenn er mal gefragt habe, was eine Passage bedeute, hätten die anderen nur geantwortet: „Keine Ahnung.“

Manchmal, sagt er und lacht dabei, hätten sie aus Verzweiflung zusammen geweint.

Bahai-Bildung-Iran

Anti-Bahai-Parole in Isfahan: „Hizbollah ist wachsam und hasst Bahai“!

 

Als er dann 1998 mit dem Master weitermachte, führten Sicherheitskräfte eine Woche nach Semesterstart Razzien durch. In 500 Häusern von Bahai im ganzen Land durchwühlten sie Zimmer, verhafteten Dutzende. Ehsan blieb verschont. „Zwei Monate später machte das BIHE weiter. Während einige noch im Gefängnis waren.“

Heute kommen die Stundenpläne nicht mehr per Moped, sondern per E-Mail, „zu seltsamen Zeiten, oft nachts um drei“, sagt Schirin. Fast tausend Freiwillige sollen an der Verwaltung beteiligt sein. Sie entwerfen die Curricula und überwachen die Einhaltung von Prüfstandards. Die meisten sitzen aus Sicherheitsgründen im Ausland, niemand kennt sie. Falls Studierende verhaftet werden, soll keiner Personalien ausplaudern können.

Die Lehrenden haben tagsüber fast alle normale Jobs, abends lehren sie am BIHE. Freiwillig und ohne Honorar. Englischdozent Ehsan arbeitet bis nachmittags als Nachhilfelehrer, nach Feierabend dann am BIHE. Andere Dozenten sind Muslime oder Christen, lehren teils als Professoren an normalen iranischen Unis und sehen ihre geheime Nebentätigkeit als gute Tat. Seit 2005 gibt es auch Online-Kurse mit Dozenten aus der ganzen Welt, die sich über Skype zuschalten. Studiengebühren gibt es nicht, die Bahai-Gemeinde finanziert ihre Uni durch Spenden.

Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Und wie stehen die Chancen auf dem Arbeitsmarkt mit einem BIHE-Abschluss? „Zum Glück ist die iranische Gesellschaft offener als der Staat“, sagt Soheil. Beamtenstellen können Bahai zwar nicht bekommen. „Aber bei Vorstellungsgesprächen in der Privatwirtschaft habe ich immer ganz ehrlich erklärt, warum ich meinen Bachelor von so einer seltsamen Uni habe.“ Bis jetzt habe niemand damit ein Problem gehabt.

In öffentlichen Räumen wie Cafés sprechen sie über das BIHE aber nur in Codewörtern. „Man gewöhnt sich daran, vorsichtig zu sein“, sagt Schirin. Sie wird nur noch in bestimmten Situationen nervös. „Wenn mich etwa verpeilte Kommilitoninnen in einem unverschlüsselten Telefongespräch nach Adressen fragen.“

Schirin, Soheil und die anderen haben es sich nicht ausgesucht, an einer Uni im Untergrund zu studieren. Doch gelernt hätten sie dort viel, sagt Soheil. Man diskutiere zuweilen freier und kritischer als an normalen iranischen Unis. „Nach dem zu urteilen, was meine Freunde von da erzählen. Und weil Bildung für uns verboten ist, sind wir alle noch viel gieriger danach geworden.“

Doch als Soheil letztens einen ehemaligen Kommilitonen in Mannheim besuchte, der jetzt dort seinen Master macht, setzte er sich eines Mittags in die Mensa und blieb dort viele Stunden sitzen. Obwohl er längst aufgegessen hatte. Er wollte sich einmal im Leben fühlen wie ein ganz normaler Student. Einer, der sich nicht verstecken muss.♦

*Paula Haisser lebte neun Monate lang in Teheran. Für diese Geschichte musste sie im Geheimen recherchieren. Deshalb schreibt sie nicht unter ihrem echten Namen.

Dieser Artikel wurde zuerst veröffentlicht in DIE ZEIT, 5. Juli 2018.

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