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41. Jahrestag der iranischen Revolution  „Ayatollah BBC“

Radio und Revolution: Für Iraner*innen bleiben diese zwei Vokabeln für immer unzertrennlich. Die Rede ist dabei von einer besonderen Welle: dem BBC Persian Service. Niemand, kein Historiker, kein Journalist, aber auch kein Zeitzeuge, kommt an ihm vorbei, wenn er über die islamische Revolution schreibt oder spricht. mehr »

1953, ein paar Jahrzehnte vor der Revolution, hatte man dem Persian Service vorgeworfen, an dem von der CIA angeführten Putsch gegen den demokratischen Ministerpräsidenten Mohammad Mossadegh mitgewirkt zu haben. Das ist keineswegs aus der Luft gegriffen. Als Mossadegh die Anglo-Persian Oil Company verstaatlichen wollte, verdoppelte der Service plötzlich die Zahl seiner Sendungen. Ton und Inhalt der Programme waren so propagandistisch und gegenüber Mossadegh so herabsetzend und beleidigend, dass es schließlich zu Protesten und zum Streik der Iraner*innen kam, die bei der BBC beschäftigt waren.

Und fast ein Jahrzehnt zuvor – 1941- hatte der Persian Service der BBC eine entscheidende Rolle bei der Entmachtung von Reza Schah gespielt. Für Großbritannien galt er als Sympathisant Hitlers, deshalb musste er das Land verlassen. Gleichzeitig strahlte die BBC zu dieser Zeit Sendungen aus, in denen man iranischen Hörer*innen die Vorzüge einer Republik beizubringen versuchte. Wohlgemerkt: in persischer Sprache und aus der Hauptstadt des britischen Königreichs.

Ein Körnchen Wahrheit

Endlich wurde der Iran 1979 eine Republik, allerdings eine „islamische“. Aber ohne tätige Hilfe der BBC wäre diese merkwürdige Republik wahrscheinlich nie oder jedenfalls nicht in dieser Form zustande gekommen, meinen unbeirrt alte und neue Royalisten.

Und in diesem Vorwurf steckt mehr als ein Körnchen Wahrheit.

Jeder Zeitzeuge von damals erinnert sich sehr gut an die Revolutionsmonate, als das iranische Militär wegen eines Streiks der Journalisten Radio- und Fernsehstationen besetzte und Uniformierte als Nachrichtensprecher auf dem Bildschirm zu sehen waren. In diesen turbulenten Wochen konnte BBC Persian landesweit zu einer glaubwürdigen Informationsquelle werden. Fast jede*r Iraner*in versuchte damals, um 20:15 Uhr zuhause zu sein, um den Beginn der BBC-Nachrichten nicht zu verpassen. BBC Persian hatte ein Nachrichtenmonopol sondergleichen, außer diesem Radioprogramm gab es praktisch nichts, weder einen anderen halbwegs glaubwürdigen Sender noch eine Zeitung oder Zeitschrift. Und: Ob Analphabet oder belesen, Radio verstand jeder.

 

BBC-Reporter interviewt Ayatollah Khomeini (mitte) ein Monat vor dem Sieg der Revolution

BBC-Reporter interviewt Ayatollah Khomeini (Mitte) ein Monat vor dem Sieg der Revolution

 

In diesem Schicksalsjahr lebten Iraner*innen zwei Leben in zwei verschiedenen Universen: Armeeoffiziere lasen mit schneidiger Stimme die offiziellen Dekrete im staatlichen Funk und Fernsehen vor, während BBC Persian von London aus die Aufrufe von Ayatollah Khomeini ans Volk verbreitete und über geplante Aktionen der Revolutionäre berichtete. Und auf den Straßen wurde geschossen und gestorben. Auch in diesen Tagen war das persische Wort bei der BBC.

Es war jene Zeit, als der Schah-Botschafter in London hauptsächlich damit beschäftigt war, den Sender zum Schweigen zu bringen. Vergeblich. Der Spottname „Ayatollah BBC“ stammt aus dieser Zeit.

BBC-TV und die Grüne Bewegung

Die neuen Machthaber zeigten sich aber keineswegs dankbar. Nur wenige Monate nach ihrer Machtübernahme wiesen sie den BBC-Korrespondenten aus. Später durfte der britische Sender nur sporadisch Reporter in den Iran schicken.

Zufall oder Kalkül, absichtlich oder ungewollt: Auch ihr persischsprachiges TV-Programm startete die BBC in einer historischen Phase. Es war 2008, kurz vor dem Ausbruch der sogenannten Grünen Bewegung nach der umstrittenen Wiederwahl Mahmud Ahmadinedschads. Wochenlang protestierten Millionen Menschen gegen den offensichtlichen Wahlbetrug. Bilder der Unruhen, Videos, die die Brutalität der Sicherheitskräfte zeigten, und endlose Talkshows über die Geschehnisse verschafften der BBC neue Geltung und Relevanz. Wieder sahen die Iraner*innen den BBC Persian Service als markanten Wegweiser an einem Wendepunkt ihrer Geschichte.

Was macht die BBC heute?

Und eine Dekade später befindet sich der Iran wieder einmal an einem historischen Scheideweg, oder besser gesagt: in einer Sackgasse. Und wieder fragen sich viele: Wo steht der Service aus London? Unterschiedlicher und widersprüchlicher könnten die Antworten auf diese Frage nicht sein.

Für die Teheraner Machthaber ist BBC Persian eine Kooperation der Bösen schlechthin. Das Team in London schmiede ständig Komplotte gegen die Islamische Republik, das Programm sei ein Service der Spione, Konterrevolutionäre und Irregeleiteten. Per Gesetz hat man inzwischen jede Zusammenarbeit mit dem Sender unter Strafe gestellt, im Iran lebende Angehörige von BBC-Mitarbeiter*innen werden belästigt, damit sie wiederum ihre Verwandten in London unter Druck setzen.

Doch auch viele oppositionelle Iraner*innen kritisieren das persische BBC-Programm. Und in dieser Kritik hört man immer noch den Nachklang des alten Spottnamens „Ayatollah BBC“. In den Talkshows und Nachrichtensendungen des Persian Service träten regelmäßig Vertreter*innen und Anhänger*innen des Teheraner Regimes auf, sagen viele in der Auslandsopposition. Was die BBC mit Verweis auf  „Ausgewogenheit“ zurückweist.

Schwere Zeiten

Doch der BBC Persian Service verliert seine Alleinstellung in der iranischen Medienlandschaft. Die Gründe sind vielfältig. Auch dieser Dienst hat mit den Problemen zu kämpfen, mit denen alle öffentlich-rechtlichen Medien weltweit konfrontiert sind. Außerdem sind unterdessen finanzkräftige Mediengruppen aufgetaucht, die sehenswerte Programme in persischer Sprache anbieten. Und nicht zuletzt sind es die Social Media, die jedem TV- und Radiomacher das Leben erschweren. Mehr als zwei Drittel der Iraner*innen sind täglich mehrere Stunden in den sozialen Netzwerken unterwegs.

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