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Schönheitswahn im Gottesstaat

Nach Angaben des iranischen Rhinologenverbandes finden im Iran jährlich offiziell 100.000 Nasenkorrekturen statt - die Dunkelziffer dürfte noch viel höher sein. Laut dem US-Verband für plastische Chirurgie liegt die Islamische Republik damit bei Nasenoperationen weltweit an erster Stelle. Ein merkwürdiger Rekord in einem Land, in dem die Überwachung der äußeren Erscheinung der Bevölkerung zu den staatlichen Hauptaufgaben gehört. Das Phänomen hat vielfältige Gründe. mehr »

„Beauty: it´s all in the nose“ – so lautet der erste Satz auf der Webseite von Dr.Noursadeghi aus Isfahan. In gepflegtem Englisch heißt es weiter: „Schönheit scheint manchmal vulgär, aber das muss nicht sein.“ Das obligatorische Fotoalbum mit Vorher-Nachher-Bildern fehlt auf der Internetpräsenz ebenso wenig wie die zahlreichen Zuschriften, in denen sich ehemalige Patientinnen aus dem In- und Ausland in blumiger Sprache für die gelungene Operation und die geschenkte Schönheit bedanken. Der Rhinologe gewährt einen umfassenden Einblick in den Operationssaal seiner modernen Privatklinik und vergisst auch nicht, seine Mitgliedschaft in der AAFPRS, dem amerikanischen Berufsverband für Gesichtschirurgie, zu dokumentieren. Durch diese Mitgliedschaft dürften sich auch die US–Kollegen geehrt fühlen, denn laut AAFPRS ist Iran führend in der Rhinologie und die iranischen Spezialisten genießen weltweit einen ausgezeichneten Ruf. Renommierte US-Universitäten laden deshalb oft Rhinologen aus dem Iran zu  Vorträgen und Informationsaustausch ein.

Fachkongresse im Iran sind beliebt

Googelt man unter den Stichwörtern Nasenkorrektur und Iran, wundert man sich, wie viele europäische Rhinologen mit der Teilnahme an Fachkongressen im Iran für sich werben. In keinem anderen Land finden so oft Tagungen für plastische Chirurgie statt, und nirgendwo gibt es so viele Nasenkorrekturen wie in der islamischen Republik – ein Geschäft mit immer noch wachsender Nachfrage. Nach Angaben von Dr.Kamal Forutan, dem Präsidenten des iranischen Fachverbandes für Gesichtschirurgie, gibt es allein in Teheran 157 zugelassene Rhinologen, die hauptsächlich Gesichts- und Nasenoperationen durchführen. 7.000 weitere Hals-Nasen-Ohrenärzte griffen gelegentlich ebenfalls zu Messer und Skalpell, so Forutan. Ab 600 Euro ist eine Operation zu haben – und der Boom ebbt trotz Wirtschaftskrise und anderer widriger Umstände nicht ab.

Widerstand durch „Schönheit“ ist nur ein Grund

Reklame in einer iranischen Website für eine Creme, die die Nase verkleinern soll.

Reklame in einer iranischen Website für eine Creme, die die Nase verkleinern soll.

Woher kommt dieser rätselhafte Schönheitswahn? Jeder macht sich darauf seinen eigenen Reim: Frauenaktivistinnen etwa sehen in der Nasenkorrektur ein Zeichen für Emanzipation, weil Frauen damit trotz Kopftuchzwang zeigen wollten, dass sie über ihre Körper immer noch selbst bestimmen. Anthropologen, die den Iranern große und klumpige Nasen bescheinigen, glauben, dass viele sich deshalb operieren ließen. Und Marktforscher meinen, der Boom sei schlicht der Geschäftstüchtigkeit und der steigenden Konkurrenz unter Chirurgen geschuldet.

Soziologen dagegen sehen die Operationen ähnlich wie in den USA als Statussymbol: Denn manche Iranerinnen tragen die nach dem Eingriff erforderlichen Pflaster auch nach der Heilung weiter – und unter manchem Pflaster verbirgt sich sogar die alte Nase. Doch alle diese Erklärungsversuche greifen zu kurz. Das Phänomen ist vielschichtiger. Waren es früher Frauen aus den wohlhabenden Stadtteilen im Norden Teherans, die sogenannte „Jeunesse dorée“, die die Nasenpflaster trugen, so gibt es inzwischen auch viele Männer, die sich einer Nasenoperation unterziehen – nach einigen Statistiken sind etwa 30 Prozent der neuen Patienten Männer.

Längst ist der Schönheitswahn auch in den Provinzen und bei den ärmeren Schichten angekommen. In der Zeitung “ Schargh” war die bewegende Reportage “ Unter der Haut der Stadt” zu lesen, die beschreibt, wie ein alter Straßenhändler seine Verkaufskarre vor einer Klinik an einer Laterne festbindet, um mit seiner Tochter einen Rhinologen aufzusuchen.

„Gott will es so“

Auch schiitische Theologen haben nichts gegen die Nasenkorrektur. Im Gegenteil: Der Islamexperte Djwad Akbrein aus Beirut meint, in vielen Fatwas werde ausdrücklich betont, Gott sei schön und Schönheit deshalb erstrebenswert. Da der Schiismus eine Religion des Diesseits sei, sei gegen Nasenkorrekturen nichts einzuwenden. Mit dem Segen der Ayatollahs lautet das Motto des iranischen Verbands für plastische Chirurgie deshalb: „Gott ist schön, er liebt die Schönheit“.

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