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Kampagnen gegen Zwangsverschleierung„Die Religion soll die Frauen in Ruhe lassen“

Am 8. Juli wurde Shaparak Shajari-Zadeh wegen mehrfacher öffentlicher Abnahme ihres Kopftuchs zu 20 Jahren Haft verurteilt. Sie hatte an den Protesten der „Mädchen der Revolutionsstraße“ gegen das vom Staat aufgezwungene Kopftuch teilgenommen. Masih Alinejad, Initiatorin von zwei Kampagnen gegen die Zwangsverschleierung, bezeichnet im Gespräch mit dem Online-Magazin Tableau die Reaktion des islamischen Regimes auf die protestierenden Frauen als „verzweifelt“. Iran Journal dokumentiert das Interview. mehr »

Ich stamme aus Verhältnissen, in denen ich eigentlich nie sichtbar sein durfte. Ich stamme aus einer armen Familie, die es lächerlich fand, als ich wie mein Bruder Fahrrad fahren wollte. Mir wurde immer gesagt, ich soll etwas Anständiges machen. Meine Familie sagte mir: „Dein Bruder hat im Krieg [gegen den Irak in den 1980er Jahren] gekämpft und du findest solche Sachen wichtig.“ Alles, was ich wollte, hat man wegen des Krieges, der Armut oder der Umstände ignoriert. Ich bin anscheinend darauf konditioniert, alles wichtig zu finden, was andere als unwichtig empfinden. Deswegen habe ich gelernt, dass Gesehen und Gehört zu werden die allerersten Voraussetzungen für das Erlangen jedes Rechts sind.

Vor diesem Hintergrund möchte ich all den Frauen, die wie ich aus diesem Kulturkreis, aus Dörfern stammen und nie gesehen und gehört worden sind, helfen, sichtbar zu werden. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass eine Frau, die gesehen und gehört wird, ihr Leben selbst in die Hand nehmen und ihre Rechte verlangen kann.

Das iranische Regime hat zwar Härte gezeigt und einige protestierende Frauen festgenommen, aber diese Härte scheint im Vergleich zu den Reaktionen der Machthaber auf die Unruhen im Jahr 2009 oder zu den Unruhen vom Januar schwächer zu sein. Empfindest Du das auch so?

Nasrin Sotoudeh

Die Anwältin der angeklagten „Mädchen der Revolutionsstraße, Nasrin Sotoudeh, sitzt ebenfalls seit Mitt Juni in Haft!

Ich finde, je mutiger die Gesellschaft wird, desto größere Zugeständnisse macht das Regime. In Sachen Proteste gegen die Zwangsverschleierung erleben wir einen beispiellosen historischen Mut der Iranerinnen, die dem Regime Angst eingejagt haben. Das iranische Regime könnte beispielsweise gegen die ethnischen Minderheiten brutal vorgehen und macht das auch. Aber die Machthaber wissen wohl, dass sie beim Thema Zwangsverschleierung mit einer wesentlich größeren Front zu kämpfen haben, denn die Kleidervorschriften interessieren nicht nur die gebildete Schicht in den Großstädten.

Meiner Meinung nach ist das Regime im Moment verzweifelt. Es weiß nicht, was mit den mutigen Frauen, die die Gesellschaft auf ihre Seite bekommen haben, zu tun ist. Vierzig Jahre waren wir diejenigen, die Angst hatten, jetzt sind es die Machthaber.

Einige Frauen sagen immer noch: „Was soll am Ende werden?“ Was ist Deine Antwort?

Diese Frage macht mich verrückt. Ich war im Iran Mitglied einer Bergsteigergruppe. Es waren immer Menschen dabei, die fragten, wann wir denn endlich ans Ziel kommen werden. Ich konnte nie verstehen, dass man so einen wunderschönen Weg ausblenden und sich die ganze Zeit nur mit der Frage des Ankommens beschäftigen konnte.

Der Weg, den die „Mädchen der Revolutionsstraße“ oder die Frauen der „Weißen Mittwochs“ eingeschlagen haben, ist doch der Weg, der uns zur Freiheit und Demokratie führen wird. Auf diesem Weg üben wir, wie wir uns gegenseitig anerkennen oder wie wir mutig werden. Das Ziel ist ebenso wichtig, keine Frage. Das Ziel ist, dass die Religion die Frauen in Ruhe lässt und ihnen nicht mehr vorschreibt, was sie anzuziehen haben. Ich sehe diejenigen, die andauernd nach dem Zeitpunkt des Ankommens fragen, als eine Bremse.

Ich bin mir sicher, dass das Streben der Iranerinnen erfolgreich sein wird und ein Kopftuch, das an einem Stock weht, nicht mehr auf den Kopf landen wird. Als ich aus Protest im Ausland die iranische Botschaft ohne Kopftuch betrat, konnte ich nicht ahnen, dass es im Iran mutige Frauen geben wird, die ohne Kopftuch auf die Straßen gehen werden. Diese Frauen geben mir Ideen. Sie kämpfen Generation für Generation. Ich habe immer wieder in allen Interviews betont, dass sie wesentlich weiter sind als ich und meine Kampagnen. Sie treffen die Entscheidungen. Ich zeige bloß diese Entscheidungen.

Das einzige, was ich gemacht habe, ist beispielsweise das Erstellen eines Hashtags, das nach dem Schicksal des ersten protestierenden Mädchens auf der Teheraner Revolutionsstraße fragt. Alle 19.000 Menschen, die an dem Tag unter dem Hashtag „Was wurde aus diesem Mädchen“ getwittert haben, standen zweifellos einzig und allein unter dem Einfluss dieses Mädchens und seiner mutigen Aktion.♦

Das Interview führte Fahimeh Khezr-Heydari

Quelle: Tableau

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