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Islamischer Rechtsgelehrter: Das Tragen eines Kopftuchs ist Privatsache

Immer mehr religiöse Gelehrte im Iran äußern ihre Zweifel an der Wirksamkeit der gewaltsamen Durchsetzung der religiösen Pflichten. Eines der Themen, bei dem sich die Rechtsgelehrten nicht einig sind, ist die Zwangsverschleierung. In diesen Tagen stellt der einflussreiche Geistliche Mohammad Ali Ayazi mit seinen kritischen Stellungsnahmen den Kopftuchzwang zur Debatte. mehr »

„In Zeiten der Herrschaft des Propheten gab es keinen einzigen Fall, bei dem jemand wegen der Missachtung des Hijab bestraft worden wären“, sagte der Theologielehrer Mohammad Ali Ayazi in einem Interview mit der Website JAMARAN. Er hatte zuvor in einem ausführlichen Artikel „das Problem Hijab“ (islamische Kleidervorschrift für Frauen)  analysiert und festgestellt, dass „Hijab, wie Beten und Fasten eine private Angelegenheit ist“. Der islamische Staat sollte Maßnahmen ergreifen, um die Frauen zu motivieren, die islamischen Kleidervorschriften einzuhalten. Doch dürfe der Staat keine Strafen für Frauen vorsehen, die sich nicht entsprechend kleideten, schreibt der Rechtsgelehrte: „ Dazu gibt es keine religiöse Legitimation.“

Zwei Kategorien

Die religiösen Lehren des Islam kann man in zwei Kategorien unterteilen: Es gibt freiwillige private Gebote und soziale Vorschriften, für deren Missachtung  Strafen vorgesehen sind. Für Ayazi gehört das Tragen des Kopftuches zu der ersten Kategorie: „die sozialen Angelegenheiten, für die Strafen vorgesehen sind, sind in den Überlieferungen klar definiert. Dazu gehören Mord, Raub, Vergewaltigung und ähnliche gesellschaftsschädigende Handlungen.“ Das Tragen von Kopftuch sei aber eine rein private Angelegenheit und man könne sie nicht so behandeln, „wie das überfahren einer roten Ampel“ – die als eine Gefahr für Leib und Seele der Mitmenschen angesehen wird. Wie die meisten Gegner des Kopftuchzwangs weist Ayazi darauf hin, dass der Hijab in Zeiten des Propheten Mohammad  ein Unterscheidungsmerkmal zwischen den islamischen und den versklavten Frauen gewesen sei. Die islamischen Frauen haben damals einen Schleier  getragen, den Sklavinnen war es hingegen nicht einmal beim Beten gestattet, ihren Kopf mit einem Tuch zu bedecken.

Die Pflicht der Gläubigen

Mohammad Ali Ayazi - Foto: iqna.ir

Mohammad Ali Ayazi - Foto: iqna.ir

Auf die Frage, wie sich die Gläubigen gegenüber jenen verhalten sollten, die die islamischen Kleidervorschriften nicht einhalten, antwortet Ayazi: „Die Pflicht der Gläubigen wäre dann genauso wie ihre Pflicht gegenüber jenen, die ihre täglichen Gebete nicht verrichten. Sie sollen das Beten und das Tragen von Kopftuch propagieren. Gewaltsame Maßnahmen können das Problem nicht lösen und werden eher das Gegenteil bewirken.“

Der Rechtsgelehrte weist auf bestimmte Stellen im Koran hin, worin Gott dem Propheten Mohammad angehalten habe, die Menschen mit Weisheit und freundlichen Ratschlägen zu überzeugen. Außerdem habe Gott selbst seinem Propheten verboten, über die Menschen zu urteilen: „Sei nicht besorgt, wenn manche nicht gläubig werden. Nur Gott ist in der Lage zu urteilen, denn er hat die Menschen geschaffen und nur er weiß, wer wirklich gläubig wird und wer nicht.“

Negative Folgen für die Gesellschaft

Anfang Januar hatte sich auch Mostafa Tajzadeh, der ehemalige stellvertretende Innenminister und führendes Mitglied der „Organisation der Mudschahidin der Islamischen Revolution“ zur Zwangsverschleierung geäußert (TfI berichtete).  In einem öffentlichen Briefaustausch mit dem konservativen Parlamentsabgeordneten Ali Motahari widerlegte er die Behauptung der Regierenden, dass die gewaltsame Durchsetzung des Schleiers für mehr Sicherheit in der Familie und in der Gesellschaft sorge. Tajzadeh schrieb: „Laut einer im Juli 2011 veröffentlichten Statistik, hat sich die Zahl der Inhaftierten im Iran in den vergangenen dreißig Jahren von 20.000 auf 200.000 erhöht, obwohl sich die iranische Bevölkerung lediglich verdoppelt hat! Die Scheidungsrate ist von 84.000 Fällen in 2005 auf 127.000 Fälle in 2010 gestiegen. Dieser Zuwachs um über 50 Prozent zeigt nur den Anstieg  in den vergangenen fünf Jahren. Derartig hohe Zuwachsraten gibt es in kaum einem anderen Land“.

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Tajzadeh machte auch auf „die Ignoranz der überwiegenden Mehrheit der jungen Menschen im Iran gegenüber der islamischen Bekleidung“ aufmerksam und sah darin ein „Zeichen der Entfremdung der Gesellschaft von dem, für das die Regierung offiziell wirbt.“ Er fügte hinzu: „Ich glaube, dass das moralische Grundgerüst der Gesellschaft beschädigt und geschwächt ist. Die Statistiken aller Arten von sozialen Phänomenen und Verbrechen wie Drogensucht, Prostitution, Weglaufen von zu Hause, Scheidung, Diebstahl, Scheckbetrug, Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und so weiter zeigen, in welchem bedauerlichen kulturellen, sozialen und ethischen Dilemma unsere Gesellschaft steckt.“

 

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