Iranerinnen im Sumpf der Sucht

Dass der Iran unter einem Drogenproblem leidet, ist seit langem bekannt. Neue Zahlen zeigen, dass auch immer mehr Frauen zu Rauschmitteln greifen. ExpertInnen sind alarmiert. 

„Zu uns kommen mittlerweile drogensüchtige Frauen aus allen Schichten und Altersgruppen. Viele haben feste Jobs, sind verheiratet und haben sogar Kinder“, sagt die Sozialarbeiterin Soheila Amirzadeh. Seit fünf Jahren arbeitet Amirzadeh bei einer Drogenentzugsklinik für Frauen in Teheran – eine von wenigen in der iranischen Hauptstadt. Jährlich steige die Zahl der Patientinnen, erzählt sie: „Darunter sind immer mehr Frauen, die nicht älter als 16 Jahre sind.“
Auch offizielle Statistiken zeigen eine alarmierende Tendenz: Etwa drei Millionen der über 70 Millionen IranerInnen gelten als drogenabhängig. Darunter sind laut der Antidrogenbehörde des Iran 700.000 Frauen – doppelt so viele wie nur zwei Jahre zuvor.
Lange bestand die Antidrogenpolitik des Iran ausschließlich aus der Bekämpfung des Drogenschmuggels aus Afghanistan, Pakistan und den Ländern des Persischen Golfs. Nun scheint einigen Verantwortlichen in Teheran bewusst geworden zu sein, dass das nicht ausreicht, um das Drogenproblem im Land in den Griff zu bekommen. So existieren mittlerweile von der Regierung finanzierte Aufklärungskampagnen über Sucht. Und die staatliche Antidrogenbehörde forderte jüngst auch NGOs auf, sich verstärkt am Antidrogenkampf zu beteiligen.
Versteckte Sucht bei Frauen
Die Bekämpfung der Drogensucht bei Frauen scheint jedoch ein eigenes Problemfeld zu sein. „Es ist schwierig, süchtigen Frauen zu helfen, weil sie sich nicht als solche zu erkennen geben“, so der iranische Innenminister und Leiter der staatlichen Antidrogenbehörde, Abdolreza Rahmani Fazli, im Jahresbericht seiner Einrichtung.

Statt die Ursachen zu bekämpfen versuchte lange Zeit die iranische Regierung, die Schuldigen für das Suchtproblem außerhalb der Grenzen zu suchen
Statt die Ursachen zu bekämpfen versuchte lange Zeit die iranische Regierung, die Schuldigen für das Suchtproblem außerhalb der Grenzen zu suchen

Die Sozialarbeiterin Amirzadeh weiß, warum viele drogenabhängige Frauen ihre Suchterkrankung verstecken: „Drogenabhängige Frauen werden leider oft aufs Schlimmste diskriminiert und gedemütigt“, sagt sie. Die Gesellschaft lege „bei Frauen und Männern immer noch unterschiedliche Maßstäbe an“. So sei etwa die Gefahr für drogensüchtige Frauen, von ihren Familien verstoßen zu werden, höher als bei Männern, so Amirzadeh im Gespräch mit TFI. Viele süchtige Frauen hätten zudem Angst davor, dass man ihnen ihre Kinder wegnimmt.

Sanaz hat am eigenen Leib erfahren, was eine Suchterkrankung bedeutet: „Ich habe so gut wie alles genommen, weil es auf dem Markt einfach alles gab: Heroin, Crack, Crystal Meth. Ich hatte nie viel Geld, doch es war für mich nie schwierig, an Drogen zu kommen“, erinnert sich die 25-Jährige. Seit fast zwei Jahren lebt die Iranerin nun in Köln: Nachdem drei ihrer Freundinnen an den Folgen ihrer Sucht gestorben waren, zogen Sanaz‘ Eltern die Reißleine: „Meine Familie wollte nicht, dass ich auch an den Drogen zugrunde gehe“, erzählt sie. Doch auch nach dem Entzug in einer Drogentherapieklinik wurde Sanaz zweimal rückfällig. „Für meine Eltern muss es die Hölle gewesen sein. Sie haben mich nach Deutschland geschickt, weil sie der Überzeugung waren, dass ich im Iran sterben würde.“ Erst in Köln habe sie durch den Kontakt zu der Selbsthilfegruppe Narcotics Anonymous ihre Sucht in den Griff bekommen, erzählt Sanaz im Gespräch mit TFI.
Hohe Rückfallgefahr
Die Gefahr für drogensüchtige Frauen, von ihren Familien verstoßen zu werden, höher als bei Männern
Die Gefahr für drogensüchtige Frauen, von ihren Familien verstoßen zu werden, höher als bei Männern

Wie Sanaz geht es vielen drogenabhängigen Iranerinnen. Statistisch gesehen stehen ihre Chancen schlecht, nach einem Entzug dauerhaft clean zu bleiben. 75 Prozent der Frauen, die aus einer Entzugsklinik entlassen werden, würden nach kurzer Zeit rückfällig, so der stellvertretende Leiter der Antidrogenbehörde, Babak Dinparast, gegenüber der iranischen Nachrichtenagentur ISNA. Soheila Amirzadeh überrascht diese Statistik kaum: „Sobald die Frauen die Klinik verlassen und in ihr altes Umfeld zurückkehren, setzen sie sich einem großen Risiko aus. Oft besteht ihr Freundeskreis aus Drogenabhängigen.“ Besonders problematisch sei, wenn auch der Ehemann ein Suchtproblem habe. In solchen Fällen sei es nahezu unmöglich, dauerhaft clean zu bleiben, so die Sozialarbeiterin: „Wer einmal drogenabhängig war, bleibt es deswegen leider oft bis zum Tod.“
Die einzige Lösung sei deshalb, erst gar nicht mit dem Drogenkonsum anzufangen, glaubt Amirzadeh. „Dafür muss aber unser Staat den Boden bereiten.“ Die Verantwortlichen müssten dafür Sorge tragen, „dass die Menschen ein erträgliches Leben führen können“, fordert sie. Viele IranerInnen griffen zu Drogen, um ihrem Alltag und ihren Problemen zu entfliehen. Es sei „kein Zufall“, so die Sozialarbeiterin, „dass in einer Zeit, in der sich die finanzielle Lage der Privathaushalte aufgrund der katastrophalen wirtschaftlichen Situation des Iran zunehmend verschlechtert, die Zahl der Süchtigen in die Höhe schießt.“
 JASHAR ERFANIAN
Drogenproblem des Iran: Drogentod zum Discountpreis