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Webdebatte über UNESCO-Bildungsagenda

Die Nichtumsetzung der UNESCO-Bildungsagenda ist beschlossene Sache. Die iranische Webcommunity diskutiert das Für und Wider des Bildungsprogramms. Ein weiteres Thema im Web ist der 8. Jahrestag der Massenproteste von 2009. Ein Webwatch. mehr »

Der Streit zwischen der iranischen Regierung und der konservativen Opposition um das Für und Wider der UNESCO-Bildungsagenda 2030 hat am Dienstag ein Ende genommen. Dabei musste die moderate Regierung von Präsident Hassan Rouhani eine Niederlage hinnehmen.
Der Rat der Kulturrevolution hat beschlossen, die Bildungsagenda, die vor allem wegen der Gleichstellung der Geschlechter von den Hardlinern um den obersten geistlichen Führer des Iran, Ali Khamenei, kritisiert wird, nicht umzusetzen.

Die Entscheidung rief in der iranischen Internet-Community gemischte Reaktionen hervor. Nicht wenige IranerInnen, vor allem Konservative, begrüßen die Nichtumsetzung: „Gott sei Dank wurde dieser Agenda eine Absage erteilt. Es ist gut, dass es im islamischen Iran noch genügend Männer gibt, die nicht zulassen, dass westliche Regierungen ihre Ehre und die ihrer Familien beschmutzen“, schreibt Khuzestani unter einem Nachrichtenbeitrag der Webseite Bartarinha. „Wer weiß, was uns geblüht hätte, wäre die Agenda durchgesetzt worden. Sicher ist aber, dass dem Westen Tür und Tor geöffnet worden wäre, auf unser Bildungssystem Einfluss zu nehmen“, schreibt Ali auf der Nachrichtenseite SNN.

Angst vor Sex, Masturbation und Homosexualität

Was genau den GegnerInnen der Agenda Sorge bereitet, verdeutlicht eine Vermutung von Tamana: „Die Agenda schreibt vor, dass Kindergarten- und Schuldkindern Sex und Homosexualität erklärt wird.“ Ihnen würde sogar beigebracht werden, wie man sich selbst befriedigt, glaubt Ghadiri zu wissen. „Man wollte unsere Kinder zu Perversen machen“, schimpft auch Abouzar auf der Facebook-Präsenz von Voice of America Persian.

Zuspruch für die Nichtumsetzung gibt es auch von BesucherInnen der iranischen Nachrichtenseite Young Journalists Club (YCR): „Man wollte unsere Kinder klammheimlich einer Gehirnwäsche unterziehen. Gut, dass der Geistliche Führer achtsam war und diese Sache unterbunden hat“, schreibt dort ein anonymer Absender. Ein anderer anonymer User beklagt sich über die angebliche Tatenlosigkeit iranischer PolitikerInnen. Diese hätten geschwiegen, bis der geistliche Führer sich zu Wort gemeldet hätte: „Es ist sehr besorgniserregend, dass Khamenei immer wachsam sein muss.“

Gegnerin der UNESCO-Agenda 2030 verlang Anklage gegen die iranischen Unterschreiber der Agenda

Religiöse Gegnerin der UNESCO-Agenda 2030 verlangt Anklage gegen die iranischen Unterschreiber der Agenda

„Verpasste Chance für den Iran“

Doch viele IranerInnen zeigen sich auch enttäuscht über die Entscheidung: „Die UNESCO-Bildungsagenda wäre für den Iran eine gute Gelegenheit gewesen, sich aus seiner kulturellen Isolation zu befreien. Er hätte sich durch die Umsetzung der Agenda der modernen Welt annähern können“, bedauert Asghar auf der Nachrichtenseite Radio Farda. „Es bleibt für mich schleierhaft, warum man sich so sehr vor allem, was vermeintlich aus dem Westen importiert wird, fürchtet. Warum kündigen wir nicht gleich auch das Pariser Klimaabkommen und den Atomdeal mit dem Westen auf? Warum sind wir noch in der UNO?“, fragt wiederum Mahmud.

Der Iran habe sich mit der Nichtumsetzung der UNESCO-Agenda einen „Bärendienst“ erwiesen, glaubt Hedieh. „Leidtragende werden unsere Kinder sein, die in Zukunft der Welt hinterherhinken werden“, schreibt sie auf der Facebookseite Tavaana. „Die Nichtumsetzung ist ein Armutszeugnis und eine totale Blamage für den Iran vor den Augen der Welt“, schreibt ein frustrierter Farshad.

Kapitulation vor den Hardlinern?

Frustriert sind viele iranische InternetnutzerInnen auch über den vermeintlich mangelnden Widerstand von Präsident Hassan Rouhani. „Hatte Rouhani nicht gesagt, dass er unter keinen Umständen im Streit über die Umsetzung der Agenda einknicken wird?“, fragt ein anonymer User der Nachrichtenplattform Farda News. „Das war’s“, schreibt ein anonymer Absender auf Radio Farda: Mit dieser Entscheidung sei „das Ende der Reformen im Iran“ eingeleitet worden. Ein anderer ebenfalls anonymer User schreibt: „Rouhani hat gezeigt, dass er nichts weiter als eine Marionette ist. Mullah bleibt Mullah.“ Ein weiterer User ist der Überzeugung, dass das vermeintliche Einknicken Rouhanis jenem politisch schaden werde: „Mit seinem Duckmäusertum vor Khamenei desillusioniert der Präsident seine AnhängerInnen, die noch vor kurzem Wahlkampf für ihn betrieben haben.“

Doch es gibt auch IranerInnen, die Rouhani verteidigen. Der Präsident könne letzten Endes der Übermacht der Konservativen in solchen Fragen nichts entgegensetzen. „Die Regierung hat lange gekämpft, aber am Ende verloren. Wir alle kennen die politischen Realitäten im Iran. Warum tun einige so überrascht?“, fragt Pejman unter einem Beitrag von BBC Persian auf Facebook.

Gedenken an Massenproteste von 2009

Fast genau acht Jahre ist es her, dass nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen 2009 an die drei Millionen IranerInnen gegen vermutete Wahlfälschung auf die Straße gingen. Sie läuteten damit Proteste gegen das Regime des Gottesstaates ein, die dessen Fundamente ins Wanken brachten. Um an das für viele IranerInnen prägende Ereignis vom 25. Khordad (15. Juni) und an die Geburt der sogenannten „Grünen Bewegung“ und in diesem Zusammenhang immer noch arretierten Politiker Mehdi Karrubi, Mir Hossein Mousavi und seine Frau Zahra Rahnavard  zu erinnern, posten derzeit viele IranerInnen Fotos, Videos und andere Erinnerungen auf den jeweiligen Plattformen.

Ein junger Twitterer mit dem Pseudonym Mmatinzz schreibt unter dem Hashtag „Taghvim88“ (dt.: Kalender 2009): „Damals war ich zehn Jahre alt, aber ich kann mich ziemlich genau an diesen Tag erinnern. Ich habe wie die Erwachsenen ein grünes Band an meinem Handgelenk getragen. Diesen Tag werde ich niemals vergessen.“ Die Twitter-Userin Atefeh äußert sich ebenfalls nostalgisch: Jene Demonstration sei „glorreich“ gewesen. „Danach sind die Menschen aus ihrem Winterschlaf erwacht“, so die Iranerin. Hsarmadih sendet unter dem Hashtag „25Khordad“ (dt.: 15. Juni) ein Foto einer großen Menschenmasse vor dem Teheraner Azadi-Platz. Darunter schreibt er: „Das war die bis dahin größte Massendemonstration nach der Revolution von 1979. An dem Tag hat sich die Nachrevolutionsgeneration erstmals zu Wort gemeldet. Sie hatte den langen Herbst überlebt und erblühte an diesem Tag in grünen Farben.“

Die Grüne Bewegung: Millionen Menschen gingen auf die Straßen

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Solidarität von Prominenten

Viele InternetnutzerInnen erinnern auch an die Solidarität, die die demonstrierenden Massen von Personen des öffentlichen Lebens erfuhren. Ein Twitterer mit dem Pseudonym Hrghgh95 kommentiert ein Foto des iranischen Fußballidols Ali Karimi mit den Worten: „Wenn ich an diesen Tag zurückdenke, erscheint vor meinen Augen immer das Bild Ali Karimis, auf dem er ein grünes Armband trägt. Das ganze Spiel über hat er es nicht abgelegt. Damals dachte ich: Ali, du bist der Beste.“ Zahlreiche andere Twitterer und Instagram-User loben den beliebten Sänger Mohammad-Reza Shajarian. Dieser habe, nachdem der damalige Präsident Mahmud Ahmadinedschad die DemonstrantInnen als „Staub“ und „Schmutz“ bezeichnet hatte, verkündet, dass er die Stimme des Staubes und des Schmutzes sei und immer bleiben werde.

Gedacht wird seitens der „grünen“ Webcommunity auch des rebellischen Großayatollahs Ali Montazeri, der als designierter Nachfolger des Revolutionsführers von 1979, Ruhollah Khomeini, galt, aber aufgrund seiner scharfen Kritik an den Massenhinrichtungen der 80er-Jahre in Ungnade fiel. Twitter-User Hamid Jafari erinnert sich an die Kritik Montazeris an die Wahlen seiner Zeit: „Kein Mensch mit einem gesunden Verstand wird das Ergebnis der Wahlen akzeptieren können.“

Gedenken an die Getöteten

Andacht erfahren auch die Verstorbenen dieses Tages. Viele IranerInnen posten auf Instagram oder Twitter Fotos der Demonstranten, denen damals das Leben genommen wurde. „Sohrab Arabi wurde am 25. Khordad zum Märtyrer. Erst einen Monat später hat man seinen Eltern seinen Tod bestätigt“, empört sich Marii Abdi auf Twitter. Sarangmirbolooki erinnert an Kianoosh Asa: „Asa wurde das letzte Mal auf dem Azadi-Platz gesehen, bevor er verschwand. Eine Woche später fand seine Familie ihn in einem Leichenhaus.“ Die „Verbrechen des Regimes“ würden „weder vergessen noch vergeben“, schreibt ein wütender Twitterer unter einem Video: „Die Mörder werden eines Tages zur Rechenschaft gezogen werden.“

JASHAR ERFANIAN