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Was es heißt, heutzutage Iranerin zu sein

Ob in den Nachrichten oder in den sozialen Netzwerken: was derzeit aus dem Iran nach außen dringt, zeichnet das Bild einer alles umfassenden Krise, in der sich das Land und damit seine Bevölkerung befinden. Für IranerInnen in der Beobachterposition der Diaspora bedeutet das eine kaum erträgliche neue Verbannung in eine ohnmächtige Sprach- und Hilflosigkeit. Ein persönlicher Essay der deutsch-iranischen Künstlerin Parastou Forouhar. mehr »

Jahrelang habe ich Notizen gemacht, kurze Sätze, um Situationen festzuhalten und zu kommentieren. Mittlerweile mache ich nur noch Screenshots. Die Nachrichten sind so entsetzlich, dass ich auf sie nicht mehr mit Worten reagieren kann. Nur sie selbst können ihren Inhalt wiedergeben. Nur sie selbst sind der Beweis ihrer Existenz.

Einer dieser Screenshots zeigt ein großes Loch, das mit ein wenig trübem Wasser gefüllt ist. Aus dem Wasser ragen Rohre mit einem Durchmesser von etwa 30 Zentimetern heraus, wie Schläuche eines medizinischen Geräts aus dem Leib eines Kranken. In dem Loch sitzen einige Männer. Ihre Hände und Füße stecken neben den Rohren im Wasser. Die Männer versuchen wahrscheinlich, die Rohre noch tiefer ins Loch zu drücken, um mehr Wasser herauszupumpen. Rund um das Loch sind Traktoren, Geräte und weitere Männer zu sehen. Ein Sinnbild der Apokalypse. Ein für mich symbolisches Bild, wie dem Land das Leben ausgesaugt wird.

Erster Screenshot

Erster Screenshot

 

„Ein düsterer Abgrund bedroht unsere nationale Existenz.“ Diesen Satz sagte meine Mutter, Parvaneh Forouhar, vor 23 Jahren in ihrem Vortrag bei der jährlichen Sitzung der Stiftung für Iranische Frauenforschung. Zwei Jahre später wurde sie getötet. Und wir befinden uns nach wie vor in dem Abgrund, auf den sie verwies. Vor einigen Wochen habe ich an der diesjährigen Sitzung dieser Stiftung teilgenommen. Die Erinnerungen an meine Mutter und an ihren damaligen Vortrag waren allgegenwärtig. Ich liebe diesen Vortrag, in dem sie die einfache Schönheit ihrer Ideale den Abgründen der Realität entgegenstellt. Er hat mich immer inspiriert, genauso wie sie selbst.

Zweiter Screenshot

Ein weiterer meiner Screenshots zeigt das matschige, nasse Mauerwerk eines Gebäudes in einer von Hochwasser betroffenen Stadt. Auf der Mauer steht in roter Farbe geschrieben: „Dein Lächeln bricht den Stillstand der Stadt. Lache, und ich baue die Stadt neu auf.“

Die suggestive Kraft dieser Verse befreit die Gedanken von der zerstörerischen Realität der Überschwemmung. Der Verfasser schenkt uns durch seine Botschaft einen Lichtstrahl, der uns aufwärmt. Ganz gleich, ob er das Haus und die Stadt wieder aufbauen kann oder nicht – er bewahrt etwas, das wie eine Erscheinung von Güte ist. Wie die Strickereien der zum Tode Verurteilten kurz vor dem Verlust ihres Lebens, die sie für ihre Liebsten herstellen, um die Schönheit festzuhalten.

Zweiter Screenshot!

Zweiter Screenshot!

 

Vergangenes Jahr während meiner Reise in den Iran besuchte mich an einem Nachmittag eine junge, mir unbekannte Frau. Es war ein Donnerstag: der Tag, an dem ich mein Elternhaus während meiner Aufenthalte in Teheran BesucherInnen öffne. Die junge Frau schenkte mir ein Buch: die Übersetzung von „Den Terror bezwingen – Der lange Schatten Augusto Pinochets“ von Ariel Dorfman. Das Buch habe sie inspiriert und ihre Hoffnung auf Gerechtigkeit gestärkt, sagte sie mir. Ich sollte wissen, dass sie manchmal an mich denke und meinen Einsatz für Gerechtigkeit schätze. Das Buch solle mich aufmuntern, damit ich nicht aufgebe.

Als sie gehen wollte, fragte ich, was sie beruflich mache. Durch ihren Job verdiene sie gerade mal so viel, dass sie davon sparsam leben könne, sagte sie. Sie sei eine Dichterin. Sie male das Leben in ihren Gedichten. Sie tue ihr Bestes, um eine gute Dichterin zu sein. Die junge Frau sagte, dass jeder von uns seiner Verantwortung mit Leib und Seele, Ehrlichkeit und Standhaftigkeit nachgehen solle. Sie sagte, falls es irgendeinen Ausweg geben sollte, dann eben durch einen solchen Ansatz. Durch diejenigen, die ihre Menschlichkeit bewahrten und nicht aufhörten, sie auch bei den anderen zu suchen.

Als ich nach Deutschland zurückkam, bekam ich das gleiche Buch von einer im Exil lebenden Freundin von einem anderen Ende der Welt geschenkt. Ihre Schwester aus Teheran hatte eine Notiz ins Buch geschrieben: „Mit Dank denen, die die Flamme der Hoffnung auf Gerechtigkeit und Freiheit in ihren Herzen und in den Herzen der Anderen aufbewahren und das kollektive Gewissen des Landes retten.“

In den vergangenen Wochen und Monaten, in denen die Krise wuchert und ihr Unheil treibt, habe ich oft an diese jungen Frauen gedacht und mich an ihren tapferen Haltungen festgehalten. Ich hoffe, dass die Zahl solcher IranerInnen und die Summe ihrer Kräfte groß genug sein werden, um uns durch diese dunklen Zeiten und heil aus ihnen heraus zu führen, damit wir dem „düsteren Abgrund“ entkommen können.

Meine Mutter sprach in ihrer Rede vor 23 Jahren von ihrer Hoffnung auf ein „menschliches Zusammensein“. An dieser Hoffnung versuche ich mich festzuhalten.

  PARASTOU FOROUHAR

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