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Aufregung um „Chaharshanbe Souri“

Böller-Fans hätten an „Chaharshanbe Souri“ die Straßen des Iran in einen Kriegsschauplatz verwandelt, klagen viele iranische Web-NutzerInnen. Im Internet wird diskutiert, wer die Hauptschuld für die Toten und Verletzten des vergangenen Dienstagabends trägt. Ein anderes Hot Topic: Das Urteil gegen Mehdi Hashemi.  mehr »

Am 20. März um genau 23:45:11 Uhr mitteleuropäischer Zeit feierten IranerInnen rund um den Erdball das Jahrtausende alte „Nouruz-Fest“: den astronomischen Beginn des Frühlings und damit den Beginn des Sonnenjahres 1394. Über 300 Millionen Menschen im Iran, in Aserbaidschan, Tadschikistan, Afghanistan, dem Kaukasus und den kurdischen Gebieten im Irak und der Türkei betrachten Nouruz als eins ihrer schönsten und größten Feste. Ähnlich wie Weihnachten ist das Neujahrsfest „ein Fest der Liebe und der Familie“. Die Feierlichkeiten rund um Nouruz haben allerdings schon am Dienstagabend begonnen, als Millionen IranerInnen trotz staatlicher Drohungen das ebenso traditionsreiche Feuerfest Chaharshanbe Souri begingen.

„Wie im Krieg“

Das Fest ist vor allem bei jungen IranerInnen sehr beliebt – besonders bei jenen, die große Freude daran haben, möglichst große Feuerwerkskörper abbrennen zu lassen. Doch nicht nur von staatlicher Seite wird Chaharshanbe Souri kritisch betrachtet. Auch viele IranerInnen sind der Ansicht, dass manche ihrer Landsleute es maßlos übertreiben, wenn um die Knallerei geht: „Zwei tote Jugendliche und über 200 Verletzte. Was ist das für ein Fest, bei dem solche Katastrophen passieren? Verflucht sei der, der das Böllern in die ursprüngliche Tradition eingebracht hat.“ Früher habe es derlei „Dramen“ nicht gegeben, schreibt Hossein, ein aufgebrachter User des Nachrichtenportals Fararu.

Ähnlich sehen das auch andere Besucher der Seite. So schreibt Siavash: „Die Leute sagen, dass sie auf diese Art feiern.“ Für ihn habe Chaharshanbe Souri jedoch mehr mit einem Krieg gemein als mit einem Fest, schreibt er weiter. „Asche auf das Haupt derjenigen, die dieses ehemals wunderbare Fest mit ihren Böllern und Knallern ruiniert haben und unsere Kinder und Senioren einem Kriegsschauplatz aussetzen“, so ein anderer Fararu-Besucher mit dem Pseudonym Ariayi.

Auch auf dem Nachrichtenportal Khabar Online werden Kriegs-Analogien verwendet:  „Was an Chaharshanbe Souri passiert, gleicht einem Militärmanöver“, schreibt ein anonymer Besucher der Seite. Ein anderer meint: „Früher haben wir die Tage und Minuten bis Chaharshanbe Souri gezählt, weil die Vorfreude auf dieses Fest so groß war. Jetzt ist uns im Vorfeld nur noch angst und bange.“ Auf Fars News klagt Mohsen: „Es ist höchst bedauerlich, dass diese ganzen Idioten mit ihren Feuerwerkskörpern zum Jahresende den Familien der Verletzten so viel Kummer bereiten.“

Wer ist verantwortlich?

„Alles in allem war Chaharshanbe Souri auch dieses Jahr ganz schön!"

„Alles in allem war Chaharshanbe Souri auch dieses Jahr ganz schön!“

Doch nicht jeder meint, dass die Schuld für die Toten und Verletzten an Chaharshanbe Souri allein bei den Feiernden zu suchen sei. Viele sind der Ansicht, dass der Staat die Hauptverantwortung für die Zwischenfälle bei dem Feuerfest trägt: „Schuld ist allein das Regime, das nicht zulässt, dass die Menschen legale und sichere Feuerwerkskörper im Handel kaufen können, so dass sie stattdessen auf unsichere Produkte zurückgreifen. Auch stellt es dem Volk keinen sicheren Platz zur Verfügung, an dem Menschen gefahrlos feiern können“, schreibt Twitter-User Pooria Asteraky.

Ähnlich sieht das die Web-Nutzerin Fati. Auf der Facebook-Präsenz der Deutschen Welle Farsi schreibt sie: „Alles in allem war Chaharshanbe Souri auch dieses Jahr ganz schön. Anstatt in den Medien immer wieder zu betonen, wie gefährlich das Fest sei, muss der Staat die Gefahr entschärfen, indem er den Menschen erlaubt, ihre Feuerwerke in Parks oder auf öffentlichen Plätzen abzubrennen, statt sie zum Feiern in dunkle Gassen zu verbannen, wo die Böller Verheerendes anrichten können.“ In diesem Jahr seien besonders viele Feuerwerkskörper im Umlauf gewesen, die nicht offiziellen Standards entsprachen, schreibt Mostafa auf Khabar Online: „Wenn der Staat dafür sorgen würde, dass auf dem Markt sichere Böller und Knaller erworben werden können, gäbe es weder abgebrannte Autos noch Tote und Verletzte.“

„Egal, wie gefährlich und exzessiv die Menschen an Chaharshanbe Souri feiern: Das Feuerfest ist und bleibt immer noch weniger brutal als das beim Regime so populäre Opferfest, bei dem unschuldigen Lämmern in Massen die Kehlen durchgeschnitten werden“, schreibt Twitter-User Colonel.

Mehdi Hashemi muss ins Gefängnis

Ein weiteres Thema, das die iranische Web-Community dieser Tage in Aufruhr versetzt, ist die Nachricht von der Verurteilung Mehdi Hashemis. Der Sohn von Ali Akbar Hashemi Rafsanjani, dem einflussreichen, aber auch höchst umstrittenen gemäßigten Ex-Präsidenten und Dauerrivalen des konservativen geistlichen Führers Ayatollah Ali Chamenei, wurde in der vergangenen Woche iranischen Medienberichten zufolge zu einer 15-jährigen Haftstrafe verurteilt. Der Hauptvorwurf: Massive Korruption.

Nicht wenige IranerInnen vertreten jedoch im Internet die Überzeugung, dass die Bestrafung Hashemis politisch motiviert sei. Etwa Vishtasp auf der Facebook-Seite von BBC Farsi: „Mehdi Hashemi ist sicher kein Saubermann. Aber wer von den derzeitigen Verantwortungsträgern des Regimes kann das von sich behaupten? Ohne Zweifel wollen die Hardliner mit seiner Inhaftierung dem Rafsanjani-Clan einen Dämpfer versetzen“, ist sich der Web-User sicher.

User Shima pflichtet ihm bei: „Die Verurteilung Hashemis markiert eine Verschärfung des Machtkampfes zwischen Konservativen und gemäßigten Kräften. Wer glaubt, dass die Inhaftierung Hashemis etwas mit Korruptionsbekämpfung zu tun hat, ist sehr naiv.“ Ähnlich argumentiert auch Parnia: „Wer so sehr mit den Reformern in Verbindung steht wie Hashemi, lebt gefährlich. Vergessen wir nicht, dass auch Mehdis Schwester Faezeh zur Zielscheibe der konservativen Machthaber wurde, als sie sich zur Grünen Bewegung bekannte.“ Auf Twitter schreibt wiederum Arash Bahmani: „Interessant: Ali Akbar Hashemi Rafsanjani unterliegt im Expertenrat den Konservativen und tags darauf muss sein Sohn ins Gefängnis.“

Fragwürdig finden manche IranerInnen auch, wie scheinbar willkürlich iranische Gerichte Menschen der Korruption bezichtigen: „Das Ganze ist eine Farce. Wenn tatsächlich die Korruption bekämpft werden soll, dann müssen ganz andere Menschen auf den Anklagebänken sitzen. Allen voran der (konservative) Justizchef Sadegh Larijani höchstpersönlich“, schreibt Ahmad auf Radio Farda.

„Hashemi hat es verdient“

Nicht wenige Web-User haben aber keinen Zweifel daran, dass die Verurteilung Mehdi Hashemis rechtens sei: „Ich bete zu Gott, dass auch sein Vater irgendwann ins Gefängnis muss. Die Korruption und die Auftragsmorde, für die diese Familie verantwortlich ist, dürfen niemals vergessen werden. Diese Dynastie gehört ausgelöscht“, schreibt ein anonymer User auf Radio Farda.

„Mit diesem Urteil hat das Rechtssystem endlich seine Kompetenz unter Beweis gestellt“, schreibt Yousef auf der Webseite Ammar-Name. Das Urteil sei ein „gutes Urteil“, findet auch Mohammad. Unterstützung für die Strafe Mehdi Hashemis gibt es auch bei der Ammar-Name-Nutzerin Giti: „Ich mag Ali Akbar Hashemi Rafsanjani, aber jeder muss sich an Recht und Gesetze halten.“ Das gelte auch für den Rafsanjani-Clan.

  JASHAR ERFANIAN