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Gewaltverbrechen im Gottesstaat

Nach außen präsentiert sich der Iran gerne als religiöses Musterland. Aber die Zahl der Gewaltverbrechen steigt stetig. Das Regime sorgt sich vor allem um die Moral. mehr »

Über Verbrechen im Westen wird in den staatlich kontrollierten Medien des Iran ausführlich berichtet  – gelten sie doch nach Lesart der Machthaber als Zeichen von Dekadenz und fehlender Moral in gottlosen Gesellschaften. Nun sind aber zunehmend Nachrichten von Gewalttaten aus dem Iran selbst zu finden.

Allein in den letzten vier Monaten starben in Teheran drei Kinder unter fünf Jahren an  Misshandlung und Vernachlässigung. Die zuständige Behörde musste zugeben, dass Gewalt gegen Kinder „leicht zugenommen“ habe. Anfang Juni 2011 berichteten Zeitungen von einer Massenvergewaltigung in Khomeini-Stadt, einer Kleinstadt im Südwesten des Landes. Eine Gruppe Männer überfiel eine Party, sperrte die männlichen Gäste in den Zimmern ein und vergewaltigte die sechs anwesenden jungen Frauen. Die Strafverfolgungsbehörde gab den Opfern die Schuld. Sie seien sittenwidrig bekleidet gewesen und hätten Alkohol getrunken. Zwei Wochen später wurde eine junge Frau in der Provinz Golestan von mehreren Männern vergewaltigt, als sie mit ihrem Freund einen Ausflug machte.

Eines der sichersten Länder der Welt?

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Vor einigen Wochen haben 500 Aktivistinnen der Frauenbewegung die steigende Zahl von Vergewaltigungen und Gewalt gegen Frauen verurteilt. Sie fordern in einer Erklärung den Staat auf, Frauen besser vor Übergriffen zu schützen. Die Regierung versucht zu beschwichtigen. Die islamische Republik Iran sei eines der sichersten Länder der Welt, behauptete der stellvertretende Chef der Teheraner Polizei, Ahmad Reza Radan im staatlichen Fernsehen. Verbrechensstatistiken gibt es nicht oder werden zumindest nicht veröffentlicht.

Die zunehmende Gewalt sei im Alltag zu spüren, meint der in Teheran lebende Soziologe Faramarz Baghaie im Interview mit tfi. „Die Menschen sind voller Aggression und gehen beim geringsten Anlass aufeinander los“. Er macht vor allem das politische System des Landes  verantwortlich – und dessen Gewaltkultur. Öffentliches Aufhängen eines Verurteilten ist gängige Praxis im Iran. Laut amnesty international wurden allein in den ersten vier Monaten des Jahres 13 zum Teil junge Menschen öffentlich hingerichtet „Mehr als 200 Straftaten werden im iranischem Rechtssystem mit dem Tode bestraft; zum Beispiel Konvertieren aus dem Islam oder außerehelicher Sex. Öffentliche Hinrichtungen, Steinigungen oder das Abhacken von Händen beeinflussen die Wahrnehmung der Gesellschaft“, sagt der Soziologe.

Misere“ zerrt an den Nerven“

Baghie sieht aber auch eine direkte Verbindung zwischen der iranischen Wirtschaftsmisere und der zunehmenden Gewalt. Seit 32 Jahren gibt es nun Sanktionen gegen den Iran. Lebensmittel- und Energiepreise klettern in immer neue Höhen. Laut offiziellen Statistiken lebt die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. „Die hohe Arbeitslosigkeit, die permanent steigende Inflationen, die gekürzten Subventionen für Energie und Nahrung– all das zerrt an den Nerven und führt zu Gewalt“, sagt Baghie.

Die Machthaber reagieren auf die Lage wie es wohl zu erwarten war – und verschärfen die Kontrolle der Sitten. Die staatlich kontrollierten Medien beklagen die„Amoralität“ der Jugend. Mit dem „Plan zur Sicherung der Moral in der Gesellschaft“ werden seit Anfang Sommer zusätzlich Tausende so genannter „Moral-Polizisten“ auf die Straßen geschickt. Sie dürfen Frauen und Männer allein schon wegen vermeintlich unpassender Kleidung ermahnen und falls nötig festnehmen.

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